Pauline HannSein bedeutender Freund

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Sein bedeutender Freund

Pauline Hann

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Lauf: 2026-09-08 10:16BokRobot · Pagina 1 / 12

Wie alles auf dieser unvollkommenen Welt hat auch ein bedeutender Freund seine Licht- und seine Schattenseiten; doch Rudolf Müller sollte an diesem Abend eigentlich nur die erstere anerkennen. Aus der Ferne drangen gedämpfte Walzerklänge und das Rascheln seidener Ballkleider herüber – und er tanzte nicht. Im Nebenzimmer riefen begeisterte Skatbrüder ihr Grand Solo mit Matadoren aus – und er konnte eine Karte kaum von der anderen unterscheiden. Die große Gesellschaft, in die er dank seiner Verwandtschaft mit der Hausfrau geraten war, hätte ihm die reinsten Tantalusqualen bereitet, wenn er nicht seinen bedeutenden Freund gehabt hätte.

Diesem allein – und keineswegs seinen eigenen bestechenden Eigenschaften, niemand wusste das besser als Rudolf Müller selbst – verdankte er es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, nein, der Welt, in einem Glaskasten plaudern durfte, der den stolzen Titel Wintergarten für sich beanspruchte und mit Palmen, Gummibäumen und blühenden Azaleen so vollgestopft war, dass außer der Bank, auf der Else Friedjung saß, und einer Handbreit Raum, auf der er stand, kein Platz für etwaige Eindringlinge blieb.

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Seit dreiviertel Jahren betete er die junge Dame an, leider nur aus gebührender Entfernung, denn für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen gab es keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe schwarzer Fräcke zu kämpfen, die das schöne, lebhafte Millionärskind beständig umschlossen, wie die Midgardschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer halben Stunde hatte ihm seine Cousine zugeflüstert: „Else Friedjung wünscht, dich kennen zu lernen, du Glückspilz, verstehst du, sie wünscht es.“

Ob er das verstand!

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Wenn er sich noch nicht die Karte „ami de Beethoven“ hatte drucken lassen, so lag das nur daran, dass er noch ein Weilchen warten wollte, bis außer dem reizenden Einakter, der vor etwa vierzehn Tagen im Hoftheater aufgeführt worden war, auch die anderen unsterblichen Werke erschienen waren, mit denen sein bedeutender Freund, heute oder morgen, sobald er in der richtigen Stimmung dazu war, die Welt aus den Angeln heben und sämtliche Klassiker, Romantiker und moderne Theaterdichter ins Nichts zurückstoßen würde.

Das schöne Mädchen zeigte ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine leere Stelle. „Ich habe den Walzer für Sie aufgehoben, Herr Müller“, sagte sie liebenswürdig.

Er ballte die Faust – natürlich nur in Gedanken – gegen den Tanzmeister, der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben hatte; aber Else Friedjung stand der Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmut, die dem armen Jungen völlig den Kopf verdreht hatte, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen Arm und ließ sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein heimliches tête-à-tête mit Rudolf Müller gehörte zu den Dingen, die jede verstand und jede entschuldigte.

Es bestand nicht die geringste Gefahr dabei; nicht dass er etwa abschreckend hässlich oder unerlaubt dumm wäre oder auf dem großen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle spielte – verständige Väter unverständiger Töchter schätzten ihn als tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann –, aber sein bedeutender Freund, der einen Schatten warf wie der Kölner Dom, ließ ihn zwergenhaft klein erscheinen, ja, zu Zeiten mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmbar.

Else Friedjung ließ die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und heftete die Augen auf dieses Spiel.

„Ich höre, Sie sind mit Doktor Engelbert Holstein näher befreundet“, begann sie in leichter Verlegenheit.

Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller Erfahrungen umschmeichelt hatte, ließ ihre Flügel kläglich hängen, und er bereitete sich auf die Antworten vor, die er, zum beliebigen Gebrauch bei jedem tête-à-tête auswendig gelernt hatte:

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„Wir wohnen beisammen.“ (Und dabei besorgten sie eine recht vernünftige Arbeitsteilung: der Bedeutende bestrahlte mit seinem Ruhm das elegante Junggesellenheim nahe dem Tiergarten, und Rudolf Müller bezahlte es; doch diese intimen Details gehörten nicht hierher.) „Er wird kommenden November vierundzwanzig Jahre alt.“

„Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schillers.“ (Die gestickten Schreibmappen, Federwischer, Zigarrentaschen, die diese Enthüllung in die Welt gesetzt hatten, ließen sich kaum zählen.) „Er ist vollständig unverheiratet.“

Dann eine Verbeugung, und der junge Mann wusste, dass er aus den Gedanken seiner schönen Nachbarin fortgewischt war wie eine Null mit dem Schwamm von einer Rechentafel.

Aber Else Friedjung war ein geistreiches Mädchen; sie brachte doch wenigstens etwas Abwechslung in das grausame Spiel.

„Doktor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit in Erinnerung, einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen. – Meine Freundin, – meine beste Freundin erlebte ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.“ Rudolf richtete sich erwartungsvoll auf.

„Ich kann mit einigen Änderungen die Eingangszeilen unseres besten deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend Einwohnern, einem Gymnasium – und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.“ Sie unterbrach sich, denn er machte eine Bewegung.

„Sie sprechen von meiner Vaterstadt“, sagte er, „ich bitte Sie mit erhobenen Händen, fahren Sie glimpflich mit ihrem Kurort-Ehrgeiz um.“

„Ihrer Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doktor wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?“

Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er war ihm so anhänglich wie – er wusste selbst keinen passenderen Vergleich – wie ein treuer, oft geschlagener Pudel, aber selbst ein solcher kannte Augenblicke, in denen sein Herz ins Spiel kam und er bei dem weißgelockten Gegenstand seiner Zuneigung etwas für sich selbst vorstellen möchte.

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„Ich habe Sie durch meinen unzeitigen Einwurf von Ihrer Erzählung abgelenkt“, murmelte er.

„Oh, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem Analysierungsversuch – so viel darf ich wohl sagen, ohne ihr heimatliches Weltbad zu beleidigen? – dennoch wirkte sie Wunder in Reklamen und ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit etwas blassen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, unverheirateten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser trinken.“

Ihr Zuhörer sah auf, als schieße ihm eine Erinnerung – aber keine sonderlich freudige – durch den Sinn.

„Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss sie es aus. Dessen ungeachtet wirkte die Kur. Entweder war die Quelle so heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder es waren die prächtigen Buchenwälder, die förmlich bis zum Tor der Stadt hereingewachsen waren. Meine Freundin mochte das Letztere glauben und lief den größten Teil des Tages auf den weltbadmäßig gebahnten, mit Bänken besäten Waldpfaden umher. Es war eine so schöne Abwechslung nach der vielstündigen Marter vor dem Klavier und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt hatten. Niemand störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all dieser Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen umschloss.

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Das übrige Kurpublikum samt der einheimischen Bevölkerung steckte träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer, denn die gute Antoniette besaß eine Leidenschaft, mit der ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte: Sie dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn niemand sie weckte; und meiner Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängnis in Gestalt eines jungen, hübschen Menschen mit wehenden Locken und blitzenden Augen. Er saß auf einer Bank, ein Notizbuch auf den Knien, die Rechte schrieb eifrig, die Linke skandierte auf der Holzlehne. Beim plötzlichen Auftauchen meiner Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief Hals über Kopf den Berg hinunter. Sie folgte ihm mit den Blicken.

Wie er, so musste, ihrer Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich fraglich, ob er auch die scharlachrote Burschenmütze sorgfältig mit einem schwarzen Überzug bedeckt hätte, bevor er in die Straßen der Stadt einbog, wie es der junge Mann tat.“

„Unser Direktor“, warf ihr Zuhörer erklärend ein, „verfolgte das Burschenspielen im Gymnasium mit drakonischer Strenge. Und Engelbert musste sich besonders hüten, missfällig aufzufallen.“

„Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von der man gerade auf den Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im ‚Ekkehard‘. Da, als sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen Strauß poetischer Waldblümlein in den Händen und einen gewissen ‚Was-frage-ich-nach-der-Welt‘-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rotwerden und Grüßen nicht sein Bewenden haben werde.

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Statt ihre regelmäßig und laut atmende Begleiterin – ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche – zu wecken, tat sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In einigen Sekunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung deutete dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den Regionen der langen Kleider und vollgeschriebenen Tanzkarten emportragend. Er drückte ihre Hände, sodass sich die Stängel des Straußes in ihre Handflächen pressten und sie eher ein schmerzliches als ein beseligtes Gesicht machte.

Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestküken aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung von Blitzen hätten, so wäre er ohne Zweifel tot zu Boden gestreckt worden. In den Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel an, zu einem Vergehen gegen die Moral; sie drohte mit Gericht und Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und Bestürzung übermäßig geröteten Zügen und den rollenden Augen – ihr Schützling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig, lachte ihr hell ins Gesicht, wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich nicht verringerte.

Nach einem Blick auf das junge Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von beträchtlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchgestoßene Ellbogen und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas davon erfahren.

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Kaum eine Woche später verließen sie das Weltbad. – Sie können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft vorhersagt.“

Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.

„Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz unerwarteten Schluss anzufügen?“, fragte er lachend. „Überraschungen sollen zwar den Wert eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber – arme Leute kochen mit Wasser.“

Else Friedjung blickte ihn verwundert an.

„Fräulein Antoinette klagte die erlittene Beleidigung bei der Badeverwaltung, den städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und weiß Gott wem noch. Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden sehen. Hier beginnt das tragische Verhängnis, die Tatsache, die dem griechischen Trauerspiel zu so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Vorwitz samt den Göttern aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: Das Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarz bezogener Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen Nachmittag kam er, um mir etwas Ungeheures von seiner Leidenschaft, von Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt verhängt hatten: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich.

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Ich hatte nicht nur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Kurort, wie der Mehltau die grünen Bäume. ‚Wenn junge Galgenvögel die Kurgäste im Walde ungestraft überfallen dürfen – denn bis zum Überfall war man, dank Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen –, dann werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis ans Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.‘ Als sich die Wogen legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen Aufwand von Jüngste-Gericht-Posaunen war ich aus dem Gymnasium gestoßen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein großer Mann in der Knospe geknickt wurde! Meine Mutter behauptete es, und sie musste es wissen, denn niemand kannte mich genauer als sie.

Ich erzeugte in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voller Beulen schlugen. Wehe, Liebig!, prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem Schnellkocher und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureißen; nur Übelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen; auf meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die liebste Beschäftigung aller großen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen.

Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen addieren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen verkaufen. Es war herzbrechend.“

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Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergessessen hatte, war schon seit einer Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen gestellt.

„Und wo blieb Ihr Freund?“, fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, eine rote Zorneswelle im reizenden Gesicht. „Wie konnte er Sie, den Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich sein Gedicht!“

Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Maßstab legen könnte wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. „Judas Ischarioth!“, flüsterte er sich zu. „Verurteilen Sie ihn nicht!“, bat er und setzte sich in seiner Ratlosigkeit zu ihr auf die Bank, die wirklich nur für zwei schlanke Menschen Platz bot. „Seine Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr als bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden sein wird.“

„Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft“, versetzte Else mit der Energie einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Tongötzen in Stücke geschlagen hat. „Ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein großer Mann. Auch ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst die Ausschließung aus ihrer Schule seine Laufbahn hätte zerstören können.“

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„Wenn Sie sein Gemüt, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich um seine Zukunft handelte“, erwiderte Rudolf, Angstschweiß auf der Stirn. „Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine Ausschließung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich vor ihm die Tore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher Schulung, ohne die sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.“

Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt eigensinnig an ihrer Meinung fest.

„Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war schlecht!“

„Mein teuerstes Fräulein“, rief der junge Mann und rückte so nahe an sie heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen und dem Nebenzimmer erhoben, wie ein Segen der Vorsehung erschienen. „Sie fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, Vaterland und mich selbst ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines mäßig begabten Doktors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der Welt herumläuft.“

„Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering schätze?“, verteidigte sich Else eifrig. „Mein Papa war auch Kaufmann und lehrte mich, seinen Stand hochzuhalten. Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit – ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! – Ihnen sogar zum Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem heimatlichen Nest – verzeihen Sie, im Weltbad Westerode – wie der verlorene Sohn angesehen worden sein.“

„Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.“

„Es war im Sommer, und der Wald so nahe“, sagte Else bedauernd.

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„Vergessen Sie nicht, dass auf meiner Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes Übel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein – allerdings etwas passiver – Curtius. – Ihr Anteil ist mir unendlich wertvoll, wertvoller als Sie denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerten sind – allen Mädchen sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjocht haben –, aber so glücklich mich Ihre Teilnahme auch macht, meine kleinen Leiden von damals verdienen sie nicht.“ Er stockte; mit leiser Stimme hub er wieder an. „Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen Gelegenheit, einer Indiskretion verdanken sollte, wäre mir unerträglich.“

Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.

„Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt mich ein geradezu krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen, und so mögen Sie denn nur wissen“ – sie erhob sich schnell, der Walzer war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Tür des Spielzimmers.

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Zurückgewandt sprach sie hastig, über und über erglühend: „Mir ist es nicht viel anders ergangen als dem glücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem bedeutenden Mann zu hören, und fand einen echten Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen Sie das?“

Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben macht.

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Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein tête-à-tête mit dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass zu verschiedenen Randbemerkungen über den Fächer hinweg zu geben. Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerlei Ecken und Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war, und dass sich eine Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung in Gestalt weißer Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das bekannte Neuntagswunder. – Rudolf verdankte seine Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden Freunde.

Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte er in ihr seine „unvergessliche“ Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm niemand die Überzeugung nehmen, dass er eine Schlange an seinem Busen genährt habe, schnöde missbraucht und verraten worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurechtkommt! Ich gebe seine Sache verloren!

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