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GratisNächtliche Schaufenster
Max Dauthendey
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Wenn ich spät nach Mitternacht die Potsdamer Straße entlang nach Hause ging, beeilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern über Flüsse und Seen kam und über Berlin hinwegschritt. Und während ich von einer Laterne zur anderen ging, war die Nachtluft schon über die Provinz Brandenburg hinausgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im Vorübergehen hatte sie mich leicht verzaubert und mir Gedanken an weite Fernen gegeben, sodass ich danach nicht mehr zwischen Laternen weiterging, sondern fort über mich selbst hinaus.
Auf einer Litfaßsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf. Darunter stand: "Indien in Berlin". Der gefleckte Tigerkopf schaute aus gelbem Bambusdickicht hervor und war ein praller Katzenkopf; über ihm lag ein blassblau gemalter Himmel.
Eine Weile schien es mir, als ginge ich durch indische Dschungel, während ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten wanderte, die sich als lange Reihe in der Mitte des Bürgersteigs hinzogen.
Die vielen offenen und dunklen Schaufensterscheiben glitzerten neben mir wie mondbeschienene Gewässer, ähnlich den heimlichen Tränkestätten von Raubtieren, die lautlos durch die Dschungel schleichen. Eine Autohupe brüllte manchmal in einer Seitenstraße. Dieser Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und wenn ein vorbeisausendes Auto mit surrendem Geräusch über den glatten Asphalt der Fahrbahn glitt, dann waren in meiner Vorstellung galoppierende Dickhäuter, schnaubende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln, die vorbeifegten.
Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.
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Wenn ich spät nach Mitternacht die Potsdamer Straße entlang nach Hause ging, beeilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern über Flüsse und Seen kam und über Berlin hinwegschritt. Und während ich von einer Laterne zur anderen ging, war die Nachtluft schon über die Provinz Brandenburg hinausgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im Vorübergehen hatte sie mich leicht verzaubert und mir Gedanken an weite Fernen gegeben, sodass ich danach nicht mehr zwischen Laternen weiterging, sondern fort über mich selbst hinaus.
Auf einer Litfaßsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf. Darunter stand: "Indien in Berlin". Der gefleckte Tigerkopf schaute aus gelbem Bambusdickicht hervor und war ein praller Katzenkopf; über ihm lag ein blassblau gemalter Himmel.
Eine Weile schien es mir, als ginge ich durch indische Dschungel, während ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten wanderte, die sich als lange Reihe in der Mitte des Bürgersteigs hinzogen.
Die vielen offenen und dunklen Schaufensterscheiben glitzerten neben mir wie mondbeschienene Gewässer, ähnlich den heimlichen Tränkestätten von Raubtieren, die lautlos durch die Dschungel schleichen. Eine Autohupe brüllte manchmal in einer Seitenstraße. Dieser Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und wenn ein vorbeisausendes Auto mit surrendem Geräusch über den glatten Asphalt der Fahrbahn glitt, dann waren in meiner Vorstellung galoppierende Dickhäuter, schnaubende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln, die vorbeifegten.
Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig saß allein eine deutsche schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federkleid silbrig und weiß war wie Holzasche.
Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher. Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich musste nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika oder Australien verbrochen haben mochten, dass ihre Nachkommen hier, verbannt und gefangen, im Schaufenster der Potsdamer Straße ihre Lebenstage verbringen mussten.
Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne fiel schrecklich grell durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen, geschlossenen Augenlider der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe, unnatürliche Licht musste den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die brüllenden Autohupen, deren Fahrzeuge mit Getöse die ganze Nacht durch die große Stadt rasten, mussten die feinen musikalischen Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
Vögel, die es gewohnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen Dämmerungen der Blätterdächer alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier kaum einen fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser zu sein als ihre gefangenen Wärter.
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Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig saß allein eine deutsche schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federkleid silbrig und weiß war wie Holzasche.
Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher. Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich musste nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika oder Australien verbrochen haben mochten, dass ihre Nachkommen hier, verbannt und gefangen, im Schaufenster der Potsdamer Straße ihre Lebenstage verbringen mussten.
Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne fiel schrecklich grell durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen, geschlossenen Augenlider der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe, unnatürliche Licht musste den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die brüllenden Autohupen, deren Fahrzeuge mit Getöse die ganze Nacht durch die große Stadt rasten, mussten die feinen musikalischen Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
Vögel, die es gewohnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen Dämmerungen der Blätterdächer alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier kaum einen fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser zu sein als ihre gefangenen Wärter.Einmal hatte ich am Tag an diesem Schaufenster um die Mittagsstunde mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war verwundert, wie mir schien, dass diese schönen geflügelten Geschöpfe kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal ihren Gesang konnten sie genießen. Denn die verschiedenen Vogelarten sangen zur gleichen Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Erdteil Afrika, der Erdteil Australien, der Erdteil Asien. Die Spitzen der Schwungfedern an Schwanz und Flügeln hatten sich die Vögel an den Gittern abgestoßen. Am Tag fielen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu, und nachts rissen sie sie vor Schrecken auf, gequält von dem stechenden, kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden Automobilen.
Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rückten die armen Vögel immer noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach gehalten, um einschlafen zu können.
Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den Glaswänden der Schaufenster entlang. Da ist auch ein Blumenladen, der einer Dame gehört, die am Tag immer mit schönen, frauenhaften Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters steht, ein Bild hängt, das einer beliebten Tänzerin ähnelt, oder einen alten Kupferstich, der eine längst verstorbene Prinzessin darstellt.
Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden abgeschnittene Blumen ebenso viel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind nicht aus Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig, wie ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.
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Einmal hatte ich am Tag an diesem Schaufenster um die Mittagsstunde mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war verwundert, wie mir schien, dass diese schönen geflügelten Geschöpfe kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal ihren Gesang konnten sie genießen. Denn die verschiedenen Vogelarten sangen zur gleichen Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Erdteil Afrika, der Erdteil Australien, der Erdteil Asien. Die Spitzen der Schwungfedern an Schwanz und Flügeln hatten sich die Vögel an den Gittern abgestoßen. Am Tag fielen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu, und nachts rissen sie sie vor Schrecken auf, gequält von dem stechenden, kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden Automobilen.
Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rückten die armen Vögel immer noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach gehalten, um einschlafen zu können.
Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den Glaswänden der Schaufenster entlang. Da ist auch ein Blumenladen, der einer Dame gehört, die am Tag immer mit schönen, frauenhaften Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters steht, ein Bild hängt, das einer beliebten Tänzerin ähnelt, oder einen alten Kupferstich, der eine längst verstorbene Prinzessin darstellt.
Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden abgeschnittene Blumen ebenso viel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind nicht aus Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig, wie ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.Wie gerne würde ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich neulich. Die müsste aber nicht des Diebstahls wegen einbrechen, sondern der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen. Fliegen lassen würde ich die Vögel nicht. Sie würden sonst verhungern und erfrieren. Ich würde aber auch die Tür des Blumenladens aufbrechen, und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel zwischen die Schalen der Anemonenvase stellen, zwischen die Körbe voll Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, in dem die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würden es sich die fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien wohl sein lassen.
Einige Häuser weiter von diesem Blumenladen ist, bevor ich zu meiner Haustür komme, noch so ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.
Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tag so von Leuten aller Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muss, wenn ich aus dem Haus trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem Marmosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Marmosett heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke immer, der Name müsste von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter Empfindsamkeit ist. "Wird sehr zahm" steht auch daneben. Das glaube ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, dass es von der Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich gerade ans Hungern gewöhnt hatte.
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Wie gerne würde ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich neulich. Die müsste aber nicht des Diebstahls wegen einbrechen, sondern der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen. Fliegen lassen würde ich die Vögel nicht. Sie würden sonst verhungern und erfrieren. Ich würde aber auch die Tür des Blumenladens aufbrechen, und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel zwischen die Schalen der Anemonenvase stellen, zwischen die Körbe voll Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, in dem die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würden es sich die fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien wohl sein lassen.
Einige Häuser weiter von diesem Blumenladen ist, bevor ich zu meiner Haustür komme, noch so ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.
Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tag so von Leuten aller Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muss, wenn ich aus dem Haus trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem Marmosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Marmosett heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke immer, der Name müsste von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter Empfindsamkeit ist. "Wird sehr zahm" steht auch daneben. Das glaube ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, dass es von der Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich gerade ans Hungern gewöhnt hatte.Marmosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem es in diesen Tagen lawinenartig schneite, blieben alle Leute stehen, um Marmosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist "das kleinste Äffchen der Welt" – das steht auch auf dem Zettel am Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Marmosett nicht in einen Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt Bewegung und Freiheit.
In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den Nebkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rundherum rennen, damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des Lebens befreit sind.
Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Marmosett kostet. Aber ich hörte am selben Tag von einer Dame, dass diese Äffchen, wenn sie zahm werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das weiß, möchte ich auch hier beim Marmosettäffchen Einbrecher werden und Marmosett befreien. Und ich habe mir schon eine Geschichte ausgedacht, wie dieses Marmosettäffchen, freigelassen, alle seine Mitgefangenen, die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler müsste das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.
Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger geworden. "Zahm" würde der Tierhändler sagen. Ich sage "todesmatt". Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.
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Marmosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem es in diesen Tagen lawinenartig schneite, blieben alle Leute stehen, um Marmosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist "das kleinste Äffchen der Welt" – das steht auch auf dem Zettel am Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Marmosett nicht in einen Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt Bewegung und Freiheit.
In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den Nebkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rundherum rennen, damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des Lebens befreit sind.
Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Marmosett kostet. Aber ich hörte am selben Tag von einer Dame, dass diese Äffchen, wenn sie zahm werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das weiß, möchte ich auch hier beim Marmosettäffchen Einbrecher werden und Marmosett befreien. Und ich habe mir schon eine Geschichte ausgedacht, wie dieses Marmosettäffchen, freigelassen, alle seine Mitgefangenen, die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler müsste das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.
Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger geworden. "Zahm" würde der Tierhändler sagen. Ich sage "todesmatt". Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.Auf der Stange des Käfigs, auf der eigentlich ein Kanarienvogel sitzen sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen wollte, müsste es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse und müsste irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben. Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und stirbt langsam ab.
Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes zu sein als steinerne Käfige zum Zahmwerden und zum Absterben.
An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um zwei, drei, vier Uhr ein und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie wartete nicht auf jemanden, aber sie horchte nach jemandem hin. Sie horchte in Richtung einer Haustür. Sie war eine vertrocknete, abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte, sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
Wenn ich mit Freunden dort vorbeiging, oder wenn ich allein aus Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie nach jener Haustür hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der einzelnen Villa.
Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort zur Blumenhandlung und von dort zum Marmosettäffchen gewandert war, kam eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustors. Sie schien mir wie von der Nachtluft aus irgendeiner fremden Stadt hergeweht auf die Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon lange beobachtet und hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
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Auf der Stange des Käfigs, auf der eigentlich ein Kanarienvogel sitzen sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen wollte, müsste es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse und müsste irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben. Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und stirbt langsam ab.
Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes zu sein als steinerne Käfige zum Zahmwerden und zum Absterben.
An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um zwei, drei, vier Uhr ein und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie wartete nicht auf jemanden, aber sie horchte nach jemandem hin. Sie horchte in Richtung einer Haustür. Sie war eine vertrocknete, abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte, sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
Wenn ich mit Freunden dort vorbeiging, oder wenn ich allein aus Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie nach jener Haustür hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der einzelnen Villa.
Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort zur Blumenhandlung und von dort zum Marmosettäffchen gewandert war, kam eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustors. Sie schien mir wie von der Nachtluft aus irgendeiner fremden Stadt hergeweht auf die Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon lange beobachtet und hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
"Oh, mein Herr," sagte sie, "darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?" Und ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. "Würden Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort hingestellt hat zum Aufpassen?"
"Gern," sagte ich. "Ich bin selbst neugierig, es zu wissen."
"Ich werde Sie hier erwarten," sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtlich Geängstigten trieb mich zur Eile an.
Ich ging und zwang meine Schritte, dass sie möglichst gleichgültig schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an. Dann wendete ich einige Schritte um und ging langsam denselben Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.
Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen, platten Haar elend und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend, sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer Kiste heraussteht und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und änderte ihren Standplatz nie.
Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber an, dass sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand, denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
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"Oh, mein Herr," sagte sie, "darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?" Und ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. "Würden Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort hingestellt hat zum Aufpassen?"
"Gern," sagte ich. "Ich bin selbst neugierig, es zu wissen."
"Ich werde Sie hier erwarten," sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtlich Geängstigten trieb mich zur Eile an.
Ich ging und zwang meine Schritte, dass sie möglichst gleichgültig schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an. Dann wendete ich einige Schritte um und ging langsam denselben Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.
Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen, platten Haar elend und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend, sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer Kiste heraussteht und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und änderte ihren Standplatz nie.
Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber an, dass sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand, denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
"Sagen Sie mir," fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine Sekunde im Gehen stehen, "warum um Gottes willen warten Sie Nacht um Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. – Dürfen Sie es nicht sagen?" fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach einer anderen Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
"Na, wenn Sie es nicht sagen wollen," sagte ich gedehnt und wartete, um ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und rührte sich nicht.
"Wenn Sie nichts sagen dürfen –" lachte ich und ging langsam und nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von Neuem zu fragen. Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich. Sie musste ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher Gefangenenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? –
Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück. Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustors, auch stand ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.
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"Sagen Sie mir," fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine Sekunde im Gehen stehen, "warum um Gottes willen warten Sie Nacht um Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. – Dürfen Sie es nicht sagen?" fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach einer anderen Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
"Na, wenn Sie es nicht sagen wollen," sagte ich gedehnt und wartete, um ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und rührte sich nicht.
"Wenn Sie nichts sagen dürfen –" lachte ich und ging langsam und nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von Neuem zu fragen. Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich. Sie musste ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher Gefangenenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? –
Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück. Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustors, auch stand ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.Ich schüttelte von Weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir entgegen. "Ich wusste, dass diese Kreatur nichts verraten würde," klagte die Dame enttäuscht. "Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und habe sie fragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht nämlich die Haustür einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht zu bringen." Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem Marmosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht.
Denn dass ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der geheimnisvollen, nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war, wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alten Schmuck, alten Familienschmuck, Familiensilber, altmodische Fingerringe. Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.
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Ich schüttelte von Weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir entgegen. "Ich wusste, dass diese Kreatur nichts verraten würde," klagte die Dame enttäuscht. "Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und habe sie fragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht nämlich die Haustür einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht zu bringen." Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem Marmosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht.
Denn dass ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der geheimnisvollen, nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war, wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alten Schmuck, alten Familienschmuck, Familiensilber, altmodische Fingerringe. Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, dass die alten Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich trügen und dass das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da, herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mussten, bis sie aus dem Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten, aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und festlichem Blut.
Und ich musste bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
Ich sagte dies zu meiner Begleiterin, und im Anschluss an die Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus allnächtlich bewachte.
Meine Freundin wollte sofort, dass wir die Aufpasserin besuchen sollten. Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande eines schwarzen Kanalwassers entlang.
Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge gefasst hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich zu mir: "Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!"

Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen, die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine Begleitung eines Instruments.
Ich hätte die Autos anhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des großen Liedes auffangen ließen.
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Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, dass die alten Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich trügen und dass das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da, herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mussten, bis sie aus dem Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten, aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und festlichem Blut.
Und ich musste bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
Ich sagte dies zu meiner Begleiterin, und im Anschluss an die Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus allnächtlich bewachte.
Meine Freundin wollte sofort, dass wir die Aufpasserin besuchen sollten. Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande eines schwarzen Kanalwassers entlang.
Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge gefasst hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich zu mir: "Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!"
Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen, die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine Begleitung eines Instruments.
Ich hätte die Autos anhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des großen Liedes auffangen ließen."Eine Sängerin," sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. "Und zwar muss es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich." "Sie singt," sagte ich, "sie singt so erschütternd und ergreifend. Es ist, als schluchzte sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen dürfen, solange die Quellenstimme singt."
Wir standen lange still.

Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster, und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriss einer schön gebauten Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war, als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der Haustür fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht. Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den anderen Häuserkäfigen. Und die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und singende Frau dort auszuforschen.
Aber sie schien dabei ebenso wenig eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in jener Nacht gefragt hatte.
"Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen, verstehen Sie das?" fragte sie mich dann.
"Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird," musste ich erwidern. "Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?" fragte sie mich hartnäckig weiter.
"Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt," suchte ich zu erklären.
"Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das erklären?"
"Das kann ich nicht erklären," sagte ich darauf.
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"Eine Sängerin," sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. "Und zwar muss es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich." "Sie singt," sagte ich, "sie singt so erschütternd und ergreifend. Es ist, als schluchzte sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen dürfen, solange die Quellenstimme singt."
Wir standen lange still.
Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster, und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriss einer schön gebauten Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war, als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der Haustür fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht. Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den anderen Häuserkäfigen. Und die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und singende Frau dort auszuforschen.
Aber sie schien dabei ebenso wenig eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in jener Nacht gefragt hatte.
"Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen, verstehen Sie das?" fragte sie mich dann.
"Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird," musste ich erwidern. "Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?" fragte sie mich hartnäckig weiter.
"Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt," suchte ich zu erklären.
"Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das erklären?"
"Das kann ich nicht erklären," sagte ich darauf."Aber Sie müssen es mir erklären," bat meine Begleiterin ängstlich. "Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und ihre Einsamkeit sich fortsingen muss."
Und welche Stimme, dachte ich bei mir: So singen nur die Erzengel vor Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der Welt.
"Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?"
"Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen können, nie."
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"Aber Sie müssen es mir erklären," bat meine Begleiterin ängstlich. "Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und ihre Einsamkeit sich fortsingen muss."
Und welche Stimme, dachte ich bei mir: So singen nur die Erzengel vor Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der Welt.
"Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?"
"Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen können, nie."
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