Max DauthendeyHecksel und die Bergwerkflöhe

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Hecksel und die Bergwerkflöhe

Max Dauthendey

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Lauf: 2026-09-08 02:12Seite 1 / 12

Häcksel war der Sohn des Finsterer, der Bergmann im Annaschacht gewesen war. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, ebenfalls Bergmann im Annaschacht. Labemann wiederum war der Sohn des Flegels, der im selben Schacht gearbeitet hatte. Keiner von ihnen war ehelich geboren – das war der Stammbaum der Geliebten jener Bergmänner.

Häcksel war, wie all seine unehelichen Vorfahren, Bergmann geworden, und er fühlte sich unter der Erde mehr zu Hause als über ihr.

Der junge Bursche von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Doch oben an der Erdoberfläche, im Tageslicht betrachtet, schien er das Gegenteil zu sein: störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils waren es das Licht und die laute Welt, die ihn – im Gegensatz zu der molligen Grabesstille und dem vertrauten Dunkel, die er aus dem Bergwerk kannte – immer wieder reizten. Doch Licht und Lärm allein waren nicht schuld daran, dass aus dem stillen, harmlosen Burschen ein widerborstiges Ekel wurde. Hätte Häcksel sich klargemacht, warum er sich oben auf der Erde verwandelte, so hätte er erzählt, dass ihm draußen im Leben seine liebsten Gesellschafter fehlten: die Bergwerkflöhe, die er ins Herz geschlossen hatte und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit beanspruchten.

Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme im Erdinnern und sind nicht dazu zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld auserkoren haben, nie ans Licht; sie springen immer im letzten Augenblick ab, bevor der Förderkorb den Schacht verlässt.

Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb so beliebt, weil sein Blut seit Generationen außerehelich und daher wild süß gezeugt worden war.

Wenn sonst niemand einen Floh im Schacht hatte – Häcksel hatte immer einen zur Unterhaltung bereit, und das verschaffte ihm manchen wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute betrachteten die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe boten, als eine Steigerung ihrer sonst trüben Lebenslust.

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Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Geselligkeit ein Floh fehlte, schickte man zu Häcksel, und für einen Schluck kalten Kaffees lieferte er einen schönen, ausgewachsenen Floh.

Doch bekanntlich können durch fortgesetzte Inzucht auch die muntersten Flöhe allmählich verblöden. Und das geschah – nachdem über Generationen hinweg, seit den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die Flöhe immer nur untereinander gelebt hatten – zur Zeit, als Häcksel fünfundzwanzig wurde und von Schwächezuständen befallen war. Die Bergleute stellten fest, dass die heutigen Flöhe nicht mehr so hoch springen, sich nicht mehr so lebhaft anzogen, nicht mehr die Tänze vollführten, die zuvor die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht mehr trauen; sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen und versimpelten so sehr, dass es eine Schande für das ganze Bergwerk war.

Eines Tages – es war im Februar, im Tauwetter, das die Erde aufweckt und auch die Triebe der Bergwerkflöhe belebt – fühlte sich Häcksel, der gerade Feierabend machen wollte und seinen Pickel an die Flözmauer stellte, besonders lebhaft hinter dem linken Ohr gebissen, lebhafter als seit langem. Er glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, frühlingslustig geworden. Doch als er mit dem Finger hinters Ohr fasste, merkte er einen kleinen, zierlichen, weiblichen Floh, und bald erkannte er Zinnoberchen. Sie wurde so genannt, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf der Hand gegen das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, dass das Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade saß.

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Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt, denn um die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meist jede Unterhaltung zwischen Bergleuten und ihren Leibtierchen beendet. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den Kohlenschächten und befand sich viele hundert Fuß unter der Erde. Die alten Pferde, die dort fern vom Tageslicht gehalten wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. In ihren Mähnen, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten die Bergwerkflöhe am liebsten. Dorthin eilten sie, wenn die Feierabendstunde nahte.

»Ich dachte, du wärst schon schlafen gegangen«, sagte Häcksel, als er Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja ganz abgehärmt, liebes Kind«, fuhr er in Gedanken lautlos fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.

Der junge Häcksel war nicht stark, er war schwer lungenkrank. Seine Vorfahren, die jahrhundertelang unter der Erde in weicher Luft Kohlenstaub geschluckt hatten, hatten ihm keine kräftige Lunge vererbt. Der Bergwerksarzt hatte zu dem Schwindsüchtigen gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten und keine Frau küssen, denn mit Kuss und Umarmung könne er nur Unheil anrichten. Er solle nicht daran denken, Kinder zu zeugen; durch ihn entstünden nur armselige, kranke Menschen, die ihm und der Welt zur Last fielen.

Daher hatte Häcksel es am Feierabend nie so eilig wie seine Kameraden, ans Licht zurückzukehren. Ihm war im Bauch der Erde wohl, wo in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche aufkamen. Nichts erwartete ihn außerhalb des Bergwerks als ein Strohsack in seiner Kammer – und nicht einmal der lockte ihn, denn das Stroh verbarg ein Geheimnis: Häcksel hatte dort seit Jahren eine alte Geldtasche verborgen, voller alter Silbergulden. Er hatte sie in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war und der im Bergwerksbuch als vor Jahren durch schlagende Wetter verschüttet und aus dem Plan gestrichen galt.

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Häcksel hatte von jenem Unglück oft von seinem Vater erzählen hören; der hatte behauptet, bei den Verschütteten müsse sich Geld befinden, denn damals sei ein zufälliger Besucher mit umgekommen. Man hatte wohl versucht nachzugraben, aber die mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.

Häcksel streifte dort gern umher und klopfte nach Feierabend jahraus, jahrein mit seinem Pickel das Gestein zur Seite.

Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, dann auf ein zweites und drittes, und dort fand er auch die alte Geldkatze voller Silbergulden bei den Gebeinen.

Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, den Kameraden von seinem Fund zu erzählen, hustete er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.

Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayerischen Sees, in den Vorbergen der Alpen. Eine kleine Bummelbahn führte von dort an den Dörfern vorbei bis nach München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blank putzte, nahm er sich vor, am nächsten Tag nach München zu fahren und das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Doch er hatte fest beschlossen: Zum Leben wollte er nichts von diesem Geld ausgeben, es sollte nur für sein Begräbnis verwendet werden. Denn der Todesgedanke war Häcksels liebster Gedanke. Er sagte sich immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten – vor allem Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden Körper abgelegt hätte, würde er gesund auferstehen. Es stand fest und klar in ihm, dass er mit seinem Tod ein neues, gesundes Dasein beginnen würde.

Darum war sein Sterben das schönste und stolzeste Ereignis, das ihn erwartete, und er wünschte sich ein würdiges Begräbnis: eine teure Seelenmesse mit Orgel, Musik und Glockengeläut, so wie jenes, das unlängst der Hauptmann der Feuerwehr des Dorfes erhalten hatte – ein erstklassiges Begräbnis. Ob nun das Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es für ein schönes Grab und einen schönen Sarg verwendet würde – das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, die der Kohlenschutt deckte, wohl gleich sein.

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An diesem Feierabend nun, als Häcksel die kleine Flöhin auf dem Finger hielt, dachte er gerade daran, einen Tag festzulegen, um die Gulden in der Stadt zu wechseln. Als Zinnoberchen ihn hinters Ohr gebissen hatte, ging er ins Bergwerk, um sie dann in den Pferdestall zu bringen.

Doch auf halbem Weg war das Tierchen verschwunden – er glaubte, sie habe allein den Weg gefunden. Sie war aber auf seine Bergwerksmütze gesprungen und saß dort zwischen Schirm und Band. In der Nacht, in seiner Kammer, blieb sie hartnäckig auf der Mütze, und als es ganz still war, hörte der Bursche den Floh auf der Mütze leise umherspringen.

»Ah«, sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluss gehört! Vielleicht habe ich im Bergwerk laut vor mich hin gesprochen? Zinnoberchen will mit nach München.« – »Ja, das will ich«, gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf der Mütze kund.

Noch in derselben Nacht band sich Häcksel die alte Geldtasche um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine Mütze auf, auf der der Floh vor Freude Sprünge machte.

Der Bursche ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof seines Heimatortes abreisen, damit niemand seine Reise bemerkte. Am nächsten Tag wollte er zurückkehren und vorgeben, er habe sich zwei Tage im Wald verirrt.

Der Floh fror morgens im kalten Februarwald und verkroch sich hinter Häcksels linkem Ohr unter sein warmes Haar. Von dort betrachtete er die Gegend. Bald merkte Häcksel, dass alle Gedanken, die ihm im linken Ohr aufstiegen, von Zinnoberchen kamen, während die Gedanken im rechten Ohr seine eigenen waren. So schritt er mit zweierlei Gedanken wie in einem Frage-und-Antwort-Spiel über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues Vorfrühlingswetter herrschte.

»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt«, sagte Zinnoberchen zum linken Ohr.

»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin«, meinte das rechte Ohr, »weil ich Bergwerksgesellschaft habe am hellen Tag.«

Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte im Wind hin und her – ihr war kreuzwohl.

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Doch plötzlich fuhr Häcksel ein schrecklicher Gedanke durchs rechte Ohr in Hals und Brust, sodass er heftig und schmerzhaft husten musste. Die Flöhin sprang erschrocken fort, kam aber gleich wieder und schaukelte weiter.

Der Gedanke aber schoss in Häcksel kreuz und quer: »Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh ans Tageslicht gefolgt, weil heute in der Grube ein Unglück geschieht. Man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen die Stollen nur, wenn sie schlagende Wetter wittern.« Das wusste Häcksel von seinem seligen Vater.

»Nein, nein und nochmals nein«, antwortete das linke Ohr, das von Zinnoberchen beraten wurde. »Es ist eine höhere Notwendigkeit, dass ich heute das Bergwerk verließ.« – »Eine höhere Notwendigkeit?« echote es erstaunt.

»Jawohl«, rief die Flöhin von links. »Dass ich heute reise, geschieht aus höchster Notwendigkeit. Ich bin eine Abgesandte. Ich muss Flohmänner ins Bergwerk holen, frische, kräftige, gesunde Flohkerle.«

»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug?«, fragte Häcksel ein wenig verletzt.

»Hat man je gehört, dass ein Flohkerl so reizend ist, dass seinetwegen andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muss schon eine Flöhin kommen, wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«

»Und da hat man dich, die Zarteste, mit mir nach München geschickt?« – »Ach was! Man hat mich nicht mit dir geschickt. Sondern du bist auserkoren, mich nach München zu bringen«, behauptete die Abgesandte.

»Ich gehe meinetwegen, nicht deinetwegen – nicht in Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten«, meinte Häcksel störrisch, als das Morgenlicht grell auf seine Nase schien. »Licht und Lärm kommen immer zusammen«, fügte er mürrisch hinzu. »Wenn ich nun umkehre? Was dann?«

»Dann lassen wir dir etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist uns kein Weg zu weit. Ein Menschenleben ist noch lange kein Flohleben wert, und dein Leben hängt ja sowieso nur an einem Fädchen.«

»Ich wusste es«, schmunzelte Häcksel aufgeräumt. »Ich sterbe bald. Ich habe es nur deshalb so eilig, weil ich die Gulden wechseln will, um Geld für ein schönes Begräbnis zu haben.«

»Den Glauben will ich dir lassen«, meinte die Flöhin zweideutig.

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»Wie meinst du das?«, fuhr Häcksel auf. »Werde ich etwa doch nicht bald sterben? Oder werde ich das Geld nicht fürs Begräbnis verwenden dürfen?«

»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir Flöhe selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du in unserer Gewalt bist, musst du gehorchen.«

»Hoho!«, hustete Häcksel und wurde blaurot vor Eifer. »Ich bin in niemandes Gewalt! Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht einmal der Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerks etwas zu sagen. Heutzutage herrscht Freiheit im Arbeitervolk!«

»Dass ich nicht lache«, kicherte Zinnoberchen, ließ das Haar los und biss herzhaft in sein linkes Ohrläppchen, sodass ein Blutstropfen, groß wie ein dicker Floh, hervorquoll. Häcksel hielt still, wie immer bei einem Biss, teils um seine Gesellschaft nicht zu verlieren, teils aus Gewohnheit.

Zinnoberchen trank sich satt und ruhte dann auf seinem Kopf aus, während der arme Bursche unter den kahlen Waldbäumen ging, von Husten geschüttelt und von Hunger gekrümmt.

Schließlich erreichte Häcksel den Bahnhof des nächsten Dorfes. Er grübelte, wie er unbemerkt nach München käme. Da fiel ihm ein, dass um diese Stunde ein langer Kohlengüterzug nach München fuhr. Er kannte den Bremser und wollte ihm nicht begegnen, also beschloss er, sich unter einem Kohlenwagen anzuklammern und so mitzufahren.

Der Zug hielt kurz vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt war – diesen Augenblick nutzte Häcksel und hing sich unter den Wagen an die Ketten. Der Platz war schrecklich, und er würde erst in der Nacht in München ankommen. Doch das machte ihm nichts aus; für die Ehre eines erstklassigen Begräbnisses hätte er noch Schlimmeres ertragen.

So hing er die ganze Fahrt hindurch zwischen Rädern und Ketten, in Todesangst, betäubt vom Lärm. Zinnoberchen aber schlief in seinem Haar und trank, wann immer sie Hunger hatte, sein Blut.

Spät in der Nacht erreichte der Zug München. Erschöpft löste sich Häcksel von seinem Versteck und schlich über Schienen und Zäune davon.

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Er wollte einen Gasthof suchen. Doch er hatte nicht bedacht, dass nach der qualvollen Fahrt seine Kräfte erschöpft waren und dass Fastnachtssonntag war. Vom Faschingsrummel in München wusste er nichts.

So ging er durch dunkle Vorstadtstraßen, und die hohen Häuser schüchterten ihn ein. Aus Angst, die Bewohner zu wecken, zog er die Stiefel aus und schlich auf Socken weiter. Er wusste nicht, dass die Häuser unbewohnte Neubauten waren.

Zinnoberchen war erwacht und witterte die Flöhe der Stadt.

Unzufrieden mit Häcksels langsamen Schritten, hätte sie am liebsten über die Dächer springen mögen.

Da stieß Häcksel mit dem Kopf gegen einen Laternenpfahl, wankte und fiel vor Hunger und Erschöpfung bewusstlos nieder.

Das brachte die Flöhin aus der Ruhe. Sie stieß einen schrillen Pfiff aus, der nur für Flohohren hörbar ist. Sofort antwortete ein Pfiff – von einer Flöhin, die bei einem Arbeiter auf einer Baustelle saß. Der Arbeiter hatte eine Teufelsmaske auf der Stirn, sodass er wie zwei Gesichter übereinander wirkte. Er war vom Maskenball gekommen, begleitet von seiner Tänzerin, der »Königin der Nacht«. Die beiden stritten sich über versetzte Habseligkeiten; das Mädchen lachte, gab dem Mann einen Tritt, und als sie ging, warf sie einen Backstein in den Ofen.

Da sah die Königin der Nacht den ohnmächtigen Häcksel liegen. Sie durchsuchte seine Taschen, fand aber nichts, und warf einen seiner Stiefel über den Zaun. Der Arbeiter warf ihn zurück, und der Stiefel traf Häcksel an der Stirn, sodass er erwachte.

»Wer bist du?«, fragte er verwirrt die maskierte Frau.

»Ich bin die Königin der Nacht«, sagte sie und forderte ihn auf mitzukommen, wenn er Geld habe.

Häcksel tastete prüfend nach seinem Leibgurt und war erleichtert, dass die Gulden noch da waren. Gemeinsam gingen sie weiter. Da sah er durch eine offene Tür einen Mann mit zwei Gesichtern – der Teufel – an einem Feuer hantieren. Erschrocken stotterte er: »Was tut der dort?«

»Komm weiter, das ist mein Schatz gewesen«, sagte die Königin. »Du bist jetzt mein Schatz, wenn du Geld hast. Zeig mir das Geld!«

»Niemals«, entgegnete Häcksel. »Das ist mein Begräbnisgeld, das gebe ich nicht fürs Tanzen aus!«

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Da kreischte die Frau: »Was, du Affe! Von mir aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und sie ohrfeigte ihn und rannte davon.

Die Ohrfeige wärmte Häcksel mehr als ein Schnaps, und er lief in die Richtung, wo der Himmel heller leuchtete.

»Danke«, rief Zinnoberchen der Stadtflöhin zu, die ihr geraten hatte, Häcksel in ein Haftlokal zu schicken, wo es viele Flohmänner gäbe.

Häcksel gelangte in eine belebte Straße voller Lichter und maskierter Menschen. Er sah schwarz- und rotbemalte Gesichter und große Nasen, alles grölte und lachte. Er wurde scheu und hielt ein hell erleuchtetes Gebäude für ein Gasthaus, denn davor stand ein leuchtendes Schild – »Kino«. Der Mann am Eingang trug einen grünen Rock mit goldenen Knöpfen.

»Kann ich hier ein Glas Bier trinken?«, fragte Häcksel.

»Natürlich – in den Pausen gibt es Bier«, antwortete der Mann.

Häcksel bezahlte an der Kasse und kam in einen dunklen Saal, wo nur eine helle Wand zu sehen war. Die Leute saßen totenstill und schauten auf Schattenmenschen, die lautlos über die Wand huschten. Häcksel dachte, es sei das Jüngste Gericht, und floh entsetzt auf die Straße zurück.

Dort kam eine beleuchtete Straßenbahn, in die viele kostümierte Menschen stiegen. Häcksel drängte sich hinein, fiel vor Schwäche einem Mann in Tiroler Tracht auf den Schoß – der hatte einen schwarzen Backenbart und einen Gürtel mit der Aufschrift »Andreas Hofer«. Obwohl Häcksel ahnte, dass es nicht der echte Andreas Hofer sein konnte, blieb er sitzen. Der Mann flüsterte ihm ins Ohr: »Ich heiße Ida Fliegenhitzer. Willst du mit? Dann bist du gern eingeladen!«

Häcksel war erstaunt, dass sich Männer in Frauen verwandeln konnten, und begleitete »Ida« in ein Brauhaus. Dort geschahen seltsame Dinge: Ein Mann mit goldener Krone – der »König« – hob Ida auf seine Schulter und trug sie davon. Ein Neger trank Häcksels Bier. Er verlor sein letztes Geldstück, wusste nicht wie.

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Unterdessen witterte Zinnoberchen andere Flöhe im Gedränge und lud sie ein, mit ihr ins Bergwerk zu kommen. Sie pries Häcksels Blut, das durch das Fieber besonders süß und warm sei. Doch die verwöhnten Stadtflöhe fanden es matt und säuerlich und sprangen ab. Ein älterer Floh riet ihr, Häcksel ins Haftlokal zu bringen.

Häcksels Magen knurrte; er ging zurück ins Brauhaus. Draußen sah er unter einer Laterne den Tod aus einer Droschke steigen: eine weiße Gestalt mit Sense und einem Totenkopf, der ihn angrinste. Schlotternd kehrte er ins Brauhaus zurück.

Da stand ein hübsches Mädchen mit einem Kranz aus Vergissmeinnicht und blondem Haar; sie trug einen brautähnlichen Schleier. Häcksel fragte: »Bist du mein Schutzengel?« Sie nickte und hängte sich bei ihm ein.

Er bestellte Essen und Bier, und das Mädchen setzte sich auf seinen Schoß. Während er in einen Spiegel schaute, bemalte sie ihm die Wangen rot, um ihn gesund aussehen zu lassen. Als er sich erleichtert aufatmen wollte, merkte er, dass sie ihm den Geldgurt abgeknöpft hatte. Er riss ihn zurück, doch im Gedränge öffnete sich der Gurt, die Silbergulden rollten über den Boden, und viele blieben unter den Tischen verschwunden. Nur ein Teil kam zurück; der Gurt war viel leichter.

Da erschien der »Schutzengel« wieder mit einem rothaarigen Mann, der behauptete, Häcksels Münzen seien falsche Zinnmünzen, und verlangte den Gurt. Häcksel protestierte, aber ein Schutzmann drängte beide hinaus; man steckte sie in eine Droschke und fuhr zu einem Tor. Häcksel wurde angewiesen zu warten, während die anderen verschwanden. Er setzte sich auf einen Prellstein und schlief ein.

Als er erwachte, saßen neben ihm ein Mann in einem Löwenfell und ein Greis mit Laterne. Sie waren von Flöhen besetzt, die zu Zinnoberchen gekommen waren, um über die Lage zu beraten. Sie berichteten, die Diebe – der Rothaarige, der falsche Schutzmann und der falsche Schutzengel – seien verhaftet worden, weil ihr plötzlicher Reichtum Verdacht erregt habe.

Einer der Flöhe, aus dem Löwenfell, machte Zinnoberchen den Hof, sprang dann aber heimlich in einen Hühnerstall und blieb dort.

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Am Morgen warf ein Bäckerjunge mit seinem Fahrrad einen ganzen Korb mit Brötchen um, der Häcksel an den Kopf flog. Häcksel, der Löwe und der Greis erwachten und verschlangen die Brötchen. Als der Bäcker schrie, warf ihm einer die Laterne an den Kopf. Doch dann erkannte der Bäcker Häcksel – er war selbst der falsche Schutzengel gewesen – und fuhr schnell davon.

Die beiden anderen gaben Häcksel den Korb mit Brezeln, damit er sie verkaufen konnte, und verschwanden im Morgennebel.

Häcksel traf einen Kutscher, dem er sein Leid klagte. Der wusste von den Verhaftungen und fuhr ihn zur Polizeiwache. Dort zeigte man ihm zwar seinen leeren Gurt, gab ihn aber nicht zurück, sondern schickte einen Polizisten mit ihm ins Dorf, um die Herkunft des Geldes zu klären.

Häcksel behauptete, er habe geerbt. Man glaubte ihm schließlich, und er durfte wieder im Bergwerk arbeiten.

Zinnoberchen gebar viele Junge – von dem Floh aus dem Löwenfell – und kehrte mit ihnen ins Bergwerk zurück.

Häcksel bekam zwar seinen Gurt zurück, aber alle Gulden waren daraus verschwunden. Da wurde er schwermütig; das Fieber verschlimmerte sich, doch er wollte nicht sterben, weil ihm kein erstklassiges Begräbnis winkte.

Er ließ sich im Pferdestall anstellen und blieb für immer unter der Erde. Die warme Schachtluft heilte seine Lunge, und er genas von der Schwindsucht.

Doch eines Tages schlug ihm ein Pferd mit dem Hinterhuf vor den Kopf, weil sein Leibfloh das Pferd unsanft gebissen hatte. Die ganze Nacht lag Häcksel blutend unter dem Pferd, unbeaufsichtigt; nur die Flöhe sahen von den Pferderücken zu, wie der Mensch starb.

In seinen Fieberphantasien erschienen ihm der Teufel, die Königin der Nacht und Andreas Hofer; sie rangen miteinander. Der Schutzengel forderte ein Geständnis. Die Flöhe höhnten: »Gesteh nichts!« Doch der Teufel rief den Höllenhund, und Petrus erschien und drohte, das Lebenslicht auszublasen.

Da schrie Häcksel: »Ich habe das Geld – das gar kein Geld war, von dem ich nie etwas ausgegeben habe – im Stollen ausgegraben, nicht geerbt!«

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Petrus ließ ihn das Geständnis an die Wand schreiben und sprach: »Siehst du, unehrlich erworbenes Gut bringt keinen Genuss. Diebstahl bereitet mehr Mühe als ehrliche Arbeit. Doch da du deine Tat im Leben gebüßt hast, will ich dir ein erstklassiges Begräbnis auf himmlische Kosten bereiten. Komm in die Himmelskutsche! Und auch Zinnoberchen wird mit dir den Himmel und das Begräbnis teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten.«

Da erfuhren die jungen Flöhe vom Tod ihrer Mutter und flohen erschrocken in den Schacht. Erst nach Tagen kehrten sie zurück, als man Häcksels Leichnam zu Grabe getragen hatte.

Das ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn die Flöhe inzwischen nicht ausgestorben sind, leben sie heute noch dort – so frech wie damals.

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