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Georg Busse-Palma
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Abendfalter
An jedem Samstagnachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres zu tun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der großen Wiese herumzutollen. Es waren zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren, die erst nach langem Toben, jauchzend vor Vergnügen, in die Butterblumen fielen, die so goldgelb waren wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte gab jedoch, ihrer eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht hatte, dann war die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten ihrer großen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel.
Der pensionierte Oberförster Winterfeld besaß, einen Büchsenschuss vom Dorf entfernt, ein Landhaus, verbrachte aber jeden Sonnabend bis Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht eher losließen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie war selbst noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der Kleinen ihre eigene Freude zu haben.
Nur einer störte sie manchmal in ihrer Fröhlichkeit.
Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr dreißig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis zu ihrem Wiesenplatz geritten kam und ihnen zusah, konnte sie weder ruhig im Gras liegen bleiben noch mit den Kindern um die Wette laufen. Seine Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre. Sie folgten jeder Bewegung, die durch das dünne, schmiegsame Kleid zu deutlich hervortrat, und ließen nicht eher ab, bis ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen.
Es gab noch einen anderen, bei dessen Nähe ihre burschikose Ungezwungenheit sich verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie ihn sah, blieb sie auch nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich so weich und wohlig in der Sonne dehnten. –
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Abendfalter
An jedem Samstagnachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres zu tun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der großen Wiese herumzutollen. Es waren zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren, die erst nach langem Toben, jauchzend vor Vergnügen, in die Butterblumen fielen, die so goldgelb waren wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte gab jedoch, ihrer eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht hatte, dann war die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten ihrer großen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel.
Der pensionierte Oberförster Winterfeld besaß, einen Büchsenschuss vom Dorf entfernt, ein Landhaus, verbrachte aber jeden Sonnabend bis Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht eher losließen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie war selbst noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der Kleinen ihre eigene Freude zu haben.
Nur einer störte sie manchmal in ihrer Fröhlichkeit.
Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr dreißig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis zu ihrem Wiesenplatz geritten kam und ihnen zusah, konnte sie weder ruhig im Gras liegen bleiben noch mit den Kindern um die Wette laufen. Seine Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre. Sie folgten jeder Bewegung, die durch das dünne, schmiegsame Kleid zu deutlich hervortrat, und ließen nicht eher ab, bis ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen.
Es gab noch einen anderen, bei dessen Nähe ihre burschikose Ungezwungenheit sich verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie ihn sah, blieb sie auch nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich so weich und wohlig in der Sonne dehnten. –Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten Lebensjahr, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift. Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten. Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften fielen, und an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen erkannte man auch äußerlich ihre unberührte Jugend. –
Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam.
Die Kinder sprangen ihm entgegen und hängten sich an seine Arme.
»Warum kommst du so spät heute, Onkel Otto?«
»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Lebewohl sagen«, sagte er halb lachend und halb wehmütig.
Dann begrüßte er Brigitte.
»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?«
»Ja«, nickte sie. »Es tut mir sehr leid.«
»Ich freue mich, dass ich die Stelle habe. Aber es ist doch schwer, alles hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüberkommen können, und manches werde ich schmerzlich vermissen. Sie auch, Briggi!«
Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.
Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die hohlen Hände als Sprachrohr benutzend, zum Essen. –
Otto Ehlers biss sich auf die Lippen.
»Bleiben Sie nach dem Essen noch lange hier?« fragte er dann.
»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.«
»Dann komme ich noch einmal zu Ihnen. Von Ihrem Vater habe ich mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch endgültig tun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen. Es hängen doch viele Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her und dann erst später, als Sie immer größer und schöner wurden ...«
Brigitte Winterfeld wurde rot.
»Für mich auch«, sagte sie hastig.
Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass für sie, die das Haus bewohnte, Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie wohl verstanden. –
Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch über den kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselten in jäher Folge ein glückliches Leuchten und tiefe Traurigkeit. – – – –
*
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Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten Lebensjahr, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift. Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten. Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften fielen, und an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen erkannte man auch äußerlich ihre unberührte Jugend. –
Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam.
Die Kinder sprangen ihm entgegen und hängten sich an seine Arme.
»Warum kommst du so spät heute, Onkel Otto?«
»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Lebewohl sagen«, sagte er halb lachend und halb wehmütig.
Dann begrüßte er Brigitte.
»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?«
»Ja«, nickte sie. »Es tut mir sehr leid.«
»Ich freue mich, dass ich die Stelle habe. Aber es ist doch schwer, alles hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüberkommen können, und manches werde ich schmerzlich vermissen. Sie auch, Briggi!«
Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.
Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die hohlen Hände als Sprachrohr benutzend, zum Essen. –
Otto Ehlers biss sich auf die Lippen.
»Bleiben Sie nach dem Essen noch lange hier?« fragte er dann.
»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.«
»Dann komme ich noch einmal zu Ihnen. Von Ihrem Vater habe ich mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch endgültig tun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen. Es hängen doch viele Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her und dann erst später, als Sie immer größer und schöner wurden ...«
Brigitte Winterfeld wurde rot.
»Für mich auch«, sagte sie hastig.
Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass für sie, die das Haus bewohnte, Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie wohl verstanden. –
Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch über den kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselten in jäher Folge ein glückliches Leuchten und tiefe Traurigkeit. – – – –
* * * * *Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung erfüllte das ganze Zimmer. Halb verdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah durch das Fenster.
Brigitte Winterfeld rollte einen Sessel ans Fenster und setzte sich.
Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgekommen sein. Farben waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber.
Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem dunklen, verschwommenen Grund, hoben sich hier und da schmale, lichte Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstraßen.
Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer.
Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder.
»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts mehr sein. In der großen Stadt gibt es so viele Mädchen, die hübscher und klüger sind als ich.« –
Das klang in immer neuen Variationen immer wieder in ihrem Herzen.
Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Tür gegangen wäre. Und da hörte sie auch schon seine Stimme.
»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?«
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie aber schon ganz munter.
»Ich war ein bisschen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie doch herein, Otto!«
Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte.
»Es tut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um ihre Rechte gekommen.«
Sie lächelte fröhlich.
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Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung erfüllte das ganze Zimmer. Halb verdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah durch das Fenster.
Brigitte Winterfeld rollte einen Sessel ans Fenster und setzte sich.
Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgekommen sein. Farben waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber.
Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem dunklen, verschwommenen Grund, hoben sich hier und da schmale, lichte Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstraßen.
Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer.
Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder.
»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts mehr sein. In der großen Stadt gibt es so viele Mädchen, die hübscher und klüger sind als ich.« –
Das klang in immer neuen Variationen immer wieder in ihrem Herzen.
Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Tür gegangen wäre. Und da hörte sie auch schon seine Stimme.
»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?«
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie aber schon ganz munter.
»Ich war ein bisschen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie doch herein, Otto!«
Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte.
»Es tut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um ihre Rechte gekommen.«
Sie lächelte fröhlich.»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf. Ich habe an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und Ihre Abreise.«
»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?«
»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie wissen, viel wert ist er nicht.«
»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.«
Dann aber schien er es sich zu überlegen.
»Wein möchte ich nicht«, sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse Tee bekommen könnte ...«
Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im Sommer Tee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten.
Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in die Hand gestützt und sah sie lächelnd an.
»Wissen Sie auch, warum ich um Tee bat?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Es fiel mir gerade ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draußen ganz dunkel ist und die Teetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer fünfzig Jahre, und da dachte ich, wie das erst sein muss, wenn ich Ihnen so gegenüber sitze ...«
Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf.
Da pochte es stoßweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es waren drei Abendfalter mit großen, dicken Köpfen, die, durch das Licht verlockt, hinein wollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das glatte Glas, und die runden, rot glühenden Augen hingen gebannt an der leuchtenden Glocke.
Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben.
»Die hässlichen Tiere«, sagte sie.
Aber da legte Otto Ehlers seine Hand auf ihren Arm.
»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Licht wollen.«
Gehorsam ließ sie das Tuch sinken.
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»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf. Ich habe an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und Ihre Abreise.«
»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?«
»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie wissen, viel wert ist er nicht.«
»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.«
Dann aber schien er es sich zu überlegen.
»Wein möchte ich nicht«, sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse Tee bekommen könnte ...«
Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im Sommer Tee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten.
Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in die Hand gestützt und sah sie lächelnd an.
»Wissen Sie auch, warum ich um Tee bat?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Es fiel mir gerade ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draußen ganz dunkel ist und die Teetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer fünfzig Jahre, und da dachte ich, wie das erst sein muss, wenn ich _Ihnen_ so gegenüber sitze ...«
Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf.
Da pochte es stoßweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es waren drei Abendfalter mit großen, dicken Köpfen, die, durch das Licht verlockt, hinein wollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das glatte Glas, und die runden, rot glühenden Augen hingen gebannt an der leuchtenden Glocke.
Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben.
»Die hässlichen Tiere«, sagte sie.
Aber da legte Otto Ehlers seine Hand auf ihren Arm.
»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Licht wollen.«
Gehorsam ließ sie das Tuch sinken.»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich«, fuhr er mit weicher, bewegter Stimme fort, »ich glaube wirklich, dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie wenigstens durch die Scheiben spähen. Und ich weiß, wenn ich von hier fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.«
Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf.
»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!«
Über den Tisch hin fasste er ihre Hände.
»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, ehe aus der armen Hilfskraft ein königlich preußischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen Teetisch wird? Auch dann nicht?«
Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber.
»Auch dann nicht, Otto«, sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.«
Da zog er sie an sich und küsste sie.
Als er eine Stunde später das Haus verließ, rief sie ihm noch über den Garten nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie wieder!«
Und Otto Ehlers, der durch die schwarzen Kiefern im Dunkeln dem Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und schöner war als jeder Schwur.
Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer hinauf. Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Mal die weißen Vorhänge zu.
»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –
*
Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast in der Villa Waldfried. Zuerst kam er immer nur in Begleitung des alten Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch allein, und auch bei Tag, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht mehr aus dem Weg. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an seine Augen, obwohl die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, auch wenn ihr das Blut von Monat zu Monat heißer und schwerer durch die Adern rollte.
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»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich«, fuhr er mit weicher, bewegter Stimme fort, »ich glaube wirklich, dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie wenigstens durch die Scheiben spähen. Und ich weiß, wenn ich von hier fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.«
Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf.
»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!«
Über den Tisch hin fasste er ihre Hände.
»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, ehe aus der armen Hilfskraft ein königlich preußischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen Teetisch wird? Auch dann nicht?«
Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber.
»Auch dann nicht, Otto«, sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.«
Da zog er sie an sich und küsste sie.
Als er eine Stunde später das Haus verließ, rief sie ihm noch über den Garten nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie wieder!«
Und Otto Ehlers, der durch die schwarzen Kiefern im Dunkeln dem Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und schöner war als jeder Schwur.
Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer hinauf. Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Mal die weißen Vorhänge zu.
»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –
* * * * *
Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast in der Villa Waldfried. Zuerst kam er immer nur in Begleitung des alten Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch allein, und auch bei Tag, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht mehr aus dem Weg. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an seine Augen, obwohl die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, auch wenn ihr das Blut von Monat zu Monat heißer und schwerer durch die Adern rollte.So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich das Mädchen eingestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es war kein einziger feiner Zug in seinem Gesicht, aber es war massig, braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen Schenkeln, über die Felder ritt.
So waren Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte ein freudiges Ereignis ins Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch dort eingekehrt, und da es ein Junge war, ließ der Pfarrer, ein lebensfroher Herr, am Tag der Taufe etwas draufgehen.
Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Zuerst hatte sie in der Küche geholfen, dann musste sie auch zu Tisch und bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.
Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer wieder wurde Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.
»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreise bei solcher Fülle verdursten sollte«, sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste sind, wissen Sie wohl selbst!«
Dabei sah er sie mit brennenden Blicken an, dass es ihr heiß und kalt über den Rücken lief.
Sie war den Wein nicht gewöhnt. Ihr von Natur aus heißes und leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatte. Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich zurück und ließ die Wimpern halb niedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heiße Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht.
Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zu viel getrunken hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem Vorwand auf und ging allein nach Hause.
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So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich das Mädchen eingestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es war kein einziger feiner Zug in seinem Gesicht, aber es war massig, braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen Schenkeln, über die Felder ritt.
So waren Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte ein freudiges Ereignis ins Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch dort eingekehrt, und da es ein Junge war, ließ der Pfarrer, ein lebensfroher Herr, am Tag der Taufe etwas draufgehen.
Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Zuerst hatte sie in der Küche geholfen, dann musste sie auch zu Tisch und bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.
Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer wieder wurde Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.
»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreise bei solcher Fülle verdursten sollte«, sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste sind, wissen Sie wohl selbst!«
Dabei sah er sie mit brennenden Blicken an, dass es ihr heiß und kalt über den Rücken lief.
Sie war den Wein nicht gewöhnt. Ihr von Natur aus heißes und leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatte. Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich zurück und ließ die Wimpern halb niedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heiße Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht.
Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zu viel getrunken hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem Vorwand auf und ging allein nach Hause.Sie zündete die Lampe an und ließ sich an ihrem gewohnten Fensterplatz nieder, in demselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf. Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die Stille tat ihr wohl, und bald schlief sie ein.
Mit einem Mal fuhr sie jäh in die Höhe.
Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund.
Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war.
Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Sie stemmte beide Hände gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht.
Und immer wieder kam dieser heiße Schauer, diese tollen, brennenden Küsse, die sein heißes Blut dem ihren entgegendrängten und denen sie nicht lange widerstehen konnte.
Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heißer und immer schneller.
Als er sie endlich losließ, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft, nach Kühlung.
Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten.
Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein großer, dunkler Falter ins Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das, vom Licht verführt, sich schon lange an die Scheiben gedrängt hatte.
Lautlos, mit schwerem Flügelschlag, kreiste er um Brigitte Winterfelds heiße, glühende Stirn.
Dann wandte er sich dem Licht zu.
Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen starrte sie ihm nach.
Nach einer Minute stieß sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –
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Sie zündete die Lampe an und ließ sich an ihrem gewohnten Fensterplatz nieder, in demselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf. Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die Stille tat ihr wohl, und bald schlief sie ein.
Mit einem Mal fuhr sie jäh in die Höhe.
Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund.
Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war.
Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Sie stemmte beide Hände gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht.
Und immer wieder kam dieser heiße Schauer, diese tollen, brennenden Küsse, die sein heißes Blut dem ihren entgegendrängten und denen sie nicht lange widerstehen konnte.
Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heißer und immer schneller.
Als er sie endlich losließ, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft, nach Kühlung.
Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten.
Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein großer, dunkler Falter ins Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das, vom Licht verführt, sich schon lange an die Scheiben gedrängt hatte.
Lautlos, mit schwerem Flügelschlag, kreiste er um Brigitte Winterfelds heiße, glühende Stirn.
Dann wandte er sich dem Licht zu.
Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen starrte sie ihm nach.
Nach einer Minute stieß sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –
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