Wilhelm HolzamerDer Held

BokRobot-Leseausgabe

Bücher

Kostenlos

Der Held

Wilhelm Holzamer

1 Kapitel · 5.374 Wörter
Anpassen
Lauf: 2026-09-08 14:47BokRobot · Seite 1 / 16

Der Ochsenwirt von Schafbach hatte ein Preiskegeln ausgeschrieben. „Erster Preis: eine goldene Uhr, zweiter Preis: eine Wanduhr, dritter Preis: ein Revolver." Damit hatte er die ganze Gegend in Aufruhr versetzt. So hohe Preise waren unerhört! Allerdings war auch der Einsatz ziemlich hoch. Aber das war ja selbstverständlich.

Der Ochsenwirt rieb sich die Hände. Diesmal hatte er es gut gemacht. Die ganze Woche war sein Lokal jeden Abend gerammelt voll. Jeder wollte die Preise sehen. Es war kaum zu glauben, so hohe Preise! Und erst am Sonntag! Das würde ein Geschäft! Sie kamen aus Latzenbach, aus Werden, aus Bellenbach, aus Sundsbach, ja sogar aus Hatzbach, jenseits des Gebirges, und aus Weilau und Buchenau, ganz unten im Tal, fünf bis sechs Stunden entfernt.

Er hatte es dem Sternwirt zum Ärger getan, der ihm die Pfingstmusik abgespannt hatte. Der konnte das nicht leiden. „Dem haben wir es gegeben! Noch ein Schoppen, Hannes? Und Sie auch noch einen, Herr Nachbar? Und kommen Sie am Sonntag auch? Die schöne goldene Uhr! Sehen Sie nur hin! Prost! Auf Ihr Wohl!"

Es war erst Mittwoch, aber der Ochsenwirt machte schon kräftig Stimmung. Er war ein Geschäftsmann. „Wenn man etwas wert ist, muss man sich wertvoll zeigen!" – das war sein Wahlspruch. Darin lag all seine Klugheit und Geschicklichkeit, all seine List und Verschlagenheit, die er für das Lebensrecht hielt.

Dumm war nur, dass ausgerechnet jetzt seine Frau ins Wochenbett kam – es war Donnerstagnachmittag. Wer zum Teufel sollte am Sonntag die ganze Arbeit schaffen? Da hieß es zupacken, notfalls mit den Fäusten. Vor allem musste man aufpassen und die Augen offen halten.

Aber Peter Knoll war ein Geschäftsmann. „Wenn man etwas wert ist, muss man sich wertvoll zeigen!" Er ließ ausrufen und im Kreisblatt bekannt geben, dass das Kegeln auf den folgenden Sonntag verschoben sei – „auf Wunsch vieler Kegler aus Schafbach und Umgebung" – und dass die Preise im großen Saal des Ochsen ausgestellt blieben.

BokRobot · Seite 2 / 16

Das gab Ärger. Aber es erhöhte auch die Spannung. Jeder war jetzt ungeduldig. Der Ochsenwirt wusste das, er verstand sein Geschäft. Aber er kannte auch seine Leute. Jeder hatte schon im Geist die goldene Uhr in der Tasche – oder die Wanduhr an der Wand – oder ließ zumindest den Revolver knallen.

So hatte der Ochsenwirt am Sonntag wieder ein voll besetztes Lokal und das Haus voller Diskussionen, wobei er kräftig ausschenken konnte. Er hatte sein Geschäft schon gemacht. Die Preise hatten sich fast bezahlt gemacht. Sie waren wieder gekommen, aus Latzenbach und Werden, aus Bellenbach und Sundsbach, ja aus Hatzbach, aus Weilau und Buchenau. Es war wirklich unerhört, kaum zu glauben: so hohe Preise!

Man hatte das Kreisblatt dreimal durchstudiert und auf jede Bekanntmachung geachtet, ob es nicht wieder eine Verschiebung gäbe. Aber nichts war davon zu lesen, auch nicht ausgerufen worden. Das Preiskegeln sollte also stattfinden: „Sonntagnachmittag ab drei Uhr."

Schon am Sonntagmorgen ging es beim Ochsen hoch her. „Ich wette einen Humpen!" – „Ich ein Fass!" – „Der bekommt die Uhr! Der!"

„Haltet den Mund!“, sagte der Schuster Anton. „Der Hannphilipp aus Garnbach hat alle Preiskegel in der Umgebung gewonnen. Der holt sich auch diesmal die Uhr, da verwette ich meinen Kopf. Und ich werde die Wanduhr kriegen, damit sie meiner Frau die Stunden schlägt, wenn ich abends länger sitzen bleibe“, fügte er hinzu. Es war noch kein richtiger Witz, wie sie der Schuster sonst machte, aber er hatte auch noch nichts gewonnen.

Punkt drei Uhr warf Peter Knoll eine Kugel in die Vollen. Damit eröffnete er das Preiskegeln. Dann begann die Reihe. Auf jeden Einsatz drei Kugeln, die erste in die Vollen. Der Polizeidiener und der Lehrer führten die Liste; sie waren unparteiisch.

Anfangs war es ruhig. Nur bei einem guten Wurf gab es ein kurzes Hallo. Dann ging die Reihe weiter. Der Lehrer rief die Namen und bestimmte den Stand, der Polizeidiener verkündete die Würfe.

Gegen vier Uhr kamen die Burschen aus Buchenau. Sie kamen alle auf einmal, während sich die Gäste aus den anderen Orten einzeln, zu zweien oder dreien eingefunden hatten.

BokRobot · Seite 3 / 16

Bei den Buchenauern war der „Jean“. Der genoss ein besonderes Ansehen. Man nannte ihn nur beim Vornamen, höchstens noch „der Herr Ober“. Er war nicht hier geboren, sondern Rheinhesse. Er war mit dem Grafen hierher gekommen, als dieser vom Militär zurückkehrte. Jean war sein Bursche gewesen – sie hatten bei der Artillerie gedient – und der Graf hatte ihn gern gehabt. Jean war auch gern mitgekommen. Während des Manövers hatte er einmal im Odenwald gelegen, und dort hatte es ihm gefallen: der Wald, die Berge! Seit etwa zwei Jahren war er nun Oberknecht auf dem Gut des Grafen. So hatte er sich hochgearbeitet.

Er war genau der Richtige dafür. Schöner war keiner weit und breit, und keiner stolzer.

Und er war gut. Er sorgte für seine Knechte; was sie ihm klagten, trug er dem Grafen vor. Er forderte auch nicht zu viel von ihnen, keine Arbeit, die er nicht selbst tat. Er machte ihnen allen etwas vor.

Er hatte die schönsten Pferde. Die Schimmel hatte er sich genommen. Und wie sauber sie waren, wie sie glänzten! Er machte alles selbst und ließ sich nichts abnehmen, so leicht er es hätte haben können. Jean hielt sich straff. Man musste ihn fahren sehen, um ihn zu bewundern. Er stand immer auf seinem Wagen. Und man musste ihn gehen sehen, um zu erkennen, dass er ein „anderer“ war. Er hatte nicht den schweren, tappenden Gang der Gebirgler, sondern schritt rasch, aufrecht, kerzengerade mit gehobener Brust. Er stieß nie an, er stolperte nie. In seinem Schritt lag Tempo. Aber auch Kraft und noch mehr Selbstbewusstsein.

Der Gutsverwalter, in seinem besten Staat, wirkte neben Jean wie ein gewöhnlicher Knecht. Jean hätte selbst der Graf sein können. Er hatte Augen, die förmlich glühten, die alles festhielten, die alles lenkten. Wenn er über den Hof schritt, entging ihm nichts; wenn er über die Straße ging, war es, als wäre er allein. Er war kein Diener und kein Duckmäuser. Jean war ein Herr.

Er war Knecht, aber wer dachte daran? Niemand. Am Gesindetisch war er es – und dort saß er oben! – aber sonst nie. Er war der „Ober“. „Unser Ober“, sagten die Knechte und Mägde; „der Gutsober“ hieß er in Buchenau.

BokRobot · Seite 4 / 16

Alle Mägde waren in ihn verschossen, die Mädchen von Buchenau träumten von ihm. Er hätte sie billig haben können, die Armen wie die Reichen. Aber er wollte keine. Er hatte keiner Magd auch nur einen verlangenden Blick zugeworfen, obwohl er sie alle gesehen hatte. Und nichts verfing bei ihm. Kein Mädchen konnte sich seiner Gunst rühmen; er sah jede mit seinen scharfen Augen so stolz und unbefangen an, als wären sie alle gleich schön oder gleich hässlich. Sie waren ihm alle gleichgültig.

Man sagte deshalb, er habe einen Schatz „jenseits des Rheins“, dem er treu sei.

Außerdem – man musste Jean am Sonntag sehen, wenn er im Wirtshaus war. Da war er vornehm. Er rülpste nicht, er schrie nicht. Er saß vor seinem Bier und hörte zu, als gehörte er nicht zu den Leuten, als wäre er nur zufällig unter sie geraten und suche auf gute Weise mit ihnen auszukommen, als sei er andere Gesellschaft gewöhnt. Und tatsächlich: Der Schullehrer setzte sich zu ihm, der Bahnassistent und der Postassistent, der Gutsverwalter und der Gemeindeschreiber. Er war ihnen der „Ober“, und man brauchte sich nicht zu schämen, mit ihm zu sprechen. Er redete über das, was er verstand, und über das, was er nicht verstand, schwieg er. Hatte er sich aber eine Meinung gebildet, vertrat er sie mit Wärme. So kürzlich, als die Hübnerslies mit ihrem Kind in den Grafenteich gegangen war. Alle verurteilten sie – wegen des Kindes und wegen des Selbstmords. Nur Jean tat es nicht.

BokRobot · Seite 5 / 16

Er sprach für sie – er entschuldigte nicht, er erklärte nur. „Es tut mir leid um die arme Lies, warum sollte ich sie verdammen? Das Kind – ich kann schon verstehen, wie das Mädchen vertraute und fiel. Sie hat den Franz wohl gern gehabt, und das kann bei einem jungen, feurigen Ding etwas heißen – und dass sie, als alles so ausging und zu Ende war, verzweifelte – das kann ich verstehen. Da sind die Menschen alle so gut und haben nie einen Fehler gemacht, und dann werfen sie Steine, als ob sie dazu bestellt seien. Aber helfen, helfen! – gibt es nicht. Die Menschen haben immer Mitschuld, und ein gut Teil, gerade die ‚Guten‘, die den Mund so voll nehmen, und die ‚Strengen‘, die so harte Augen und verächtliche Blicke haben. Weh tun – wer nicht weiß, was weh tun heißt, der soll nicht richten, das ist meine Meinung“, schloss er. Er war dabei sogar etwas hitzig geworden, ganz gegen seine Art.

Als der Schullehrer und der Gemeindeschreiber abends ein Stück gemeinsam nach Hause gingen, meinte der Lehrer: „Was der ‚Herr Ober‘ gesagt hat – das ging an mich. Das steht nicht im Katechismus – das kommt aus dem Herzen. Der muss schon etwas erlebt haben, der ‚Herr Ober‘. Mir ist heute Abend eingefallen, so etwas kann man nur erleben. Der trägt etwas in sich herum, das merke ich jetzt. Aber ich habe Respekt. Ich habe Respekt."

Manche sagten, Jean sei selbst der Sohn eines Grafen. Andere aber behaupteten – und das waren ein paar, die mit ihm beim Militär gewesen waren – er sei das uneheliche Kind einer Schauspielerin. Man erzählte es im ganzen Dorf. Aber es schadete Jean nicht. Er gehörte zu den Menschen, die man nicht nach Stellung, Herkunft oder Anhang beurteilt, sondern die man als sie selbst nimmt und nach dem Wert schätzt, der in ihrem Benehmen, ihren Taten und ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck kommt. Darin war er glücklich.

BokRobot · Seite 6 / 16

Was seine Herkunft anging, so war er tatsächlich der Sohn einer Schauspielerin, in wilder Ehe geboren, als seine Mutter die Leiterin einer Wanderbühne war. Und er hatte ein Schicksal, er hatte etwas erlebt. Als Kind hatte er schon auf der Bühne gestanden. Als Kind hatte er gehungert, hatte stehlen müssen, und oft war er derjenige, den man benutzte, um die vielen Gläubiger hinters Licht zu führen, die es an jedem Ort schnell gab, wo ihr Wagen anhielt.

Und welches Leben hatte er bei dem Vater, dem „Direktor“, gehabt! Manchmal fielen ihm die schönen Titel ein, die der Vater ihm beigelegt hatte. Dann knirschte er mit den Zähnen. Aber weinen hätte er mögen, wenn er an all die Gemeinheiten und Liederlichkeiten dachte, die er hatte ansehen müssen. Wozu hatte die Not seine Mutter oft gezwungen! Noch heute schämte er sich. Jedes Mal stieg ihm eine Blutwelle heiß ins Gesicht.

Da hatte er Verachtung und Verzeihung gelernt. Denn er hatte sie in Verzweiflung gesehen, wild gegen sich selbst, erstickend vor Ekel, vor Hass und Scham. Da hatte er das Mitleid gelernt.

Früh war er reif geworden. Das Schicksal hatte ihn in die Lehre genommen. Es hatte ihm die Jugend vergiftet, denn es hatte seinen Kinderaugen das Leben gezeigt, in seiner Härte und seinem Schmutz, in seinen Abgründen, Lockungen und Falschheiten.

Da war er in sich selbst zurückgeschreckt. Er fühlte sich als Gegner des Lebens, all seiner Reize und Genüsse.

Sein Wille war so geweckt. Dem Leben einen besseren Wert! schrie es in ihm.

Er blieb allein. Er war ernst. Er wurde froh im Freien, befreit und gesund in der Natur, wenn er im Gras lag, wenn er die Straße entlangwanderte, wenn er die Vögel singen hörte, die Blumen blühen sah und die Bäume Früchte tragen. Den Bauern liebte er, der den Acker bestellte, und er hätte stundenlang zusehen können, wie der Pflug durch den Boden schnitt.

So hatte ihn sein Schicksal geformt.

Er war gering, aber so jung er auch war, er hatte sich nicht herabziehen lassen. Er hatte einen Stolz und eine starke Sicherheit in sich. Und er wusste: Jammern und Sehnen halfen ihm nicht, es galt eine Tat.

BokRobot · Seite 7 / 16

Er war siebzehn geworden, und eines Tages wusste er, was er tun musste. Eine widerliche Szene zu Hause hatte ihn zu dem Entschluss gebracht. Ganz plötzlich war es ihm eingefallen: Er wollte ein Bauer werden. Am nächsten Morgen sollte seine Theatergruppe weiterziehen. Am Abend ging er, ohne Abschied, als fürchtete er, wankelmütig zu werden. Er fand auch eine Stelle und blieb, bis er zum Militär musste.

So war er frei geworden. Er arbeitete mit Pflug und Hacke, unermüdlich, und atmete auf. Er befreite sich. Manchmal zerrte es in ihm, so gering zu sein und unbeachtet. Aber er redete sich Mut und Hoffnung zu. Geduld und Ausdauer, sagte er sich. Er würde schon nach oben kommen. Langsam in sich – und dann auch vor den Menschen.

Und er hatte auch ein wenig Glück gehabt. Es war zumindest ein Glück zu nennen, dass er an den Grafen gekommen war.

Jean war also mit den Buchenauer Burschen zur Kegelbahn nach Schafbach gekommen. Unterwegs hatte er sich zu ihnen gesellt.

In der Kegelbahn war es nun schon laut. Und heiß, sehr heiß. Die Luft war dick vom Tabaksqualm.

Jean hätte gewünscht, nicht hierher gekommen zu sein. Wäre er noch einmal draußen, ginge er vorbei. Aber da er nun einmal drin war – er blieb.

Er begrüßte den Lehrer, den er kannte.

Dann suchte er sich einen Platz abseits, von dem aus er gut sehen konnte. Er wollte nur zusehen.

Der Ochsenwirt brachte ihm ein Glas Bier. „Nicht mitkegeln, Herr Ober?"

„Ich will mal sehen, später vielleicht einen Wurf, warum nicht!“

Ein paar am Tisch hörten das. „Dann bekommt der Herr Ober die Uhr, dann gute Nacht, Partie!“

Jean aber sagte nichts darauf, er sah still zu.

Weitere Gäste kamen, einzeln, zu zweien und dreien – meist aus den umliegenden Orten. Die Schafheimer waren schon fast vollzählig da.

Es war voll in der Kegelbahn. Nun kamen noch die Weilauer, und gleich nach ihnen die Hatzbacher. Sie hatten die weitesten Wege und wurden daher allgemein begrüßt.

Jetzt hieß es zusammenrücken. Und man tat es auch. Nur hier und da schimpfte einer. „Der Knoll soll für Tische und Stühle sorgen, so eine Drückerei!“

BokRobot · Seite 8 / 16

An Jeans Tisch saßen ein paar Hatzbacher. Einer erzählte, die Italiener aus Hatzbach, die beim Bahnbau beschäftigt waren, kämen auch noch. „Gibt’s wohl Krawall heute“, sagte einer.

Ja, und sie hätten auch die Tremplers Anna dabei. Die hätte sich einem von ihnen an den Hals geworfen, am Sonntag vor acht Tagen auf der Tanzmusik. Ein hübscher Kerl sei der Italiener ja. Aber es sei doch schade um die Anna. Sie habe schon Schläge von zu Hause bekommen. Aber sie lasse wohl nicht locker.

Sie habe doch ein paar tausend Mark Vermögen und sei von guten Leuten. Und sei auch immer so still und ordentlich gewesen. Und auf einmal ganz vernarrt. Man müsse schon sagen, schön sei der Italiener, der schönste und vornehmste von ihnen. Aber es gebe doch auch hübsche Kerle im eigenen Ort.

Und man wisse auch, wie das gehe: Erst alles Liebe und Gute. Dann mal so ein Suff – und dann sei es geschehen. Bis das Kind da sei, sei der Kerl längst verschwunden – oder wenn es zur Heirat komme, dann Hunger und Schläge.

Da wäre es doch schade um die Tremplers Anna. Und dann hätten die Kerle immer ein Messer bei sich. Beim geringsten Anlass.

Jean hörte nur mit halbem Ohr zu. Er kannte das alles nur zu gut. Bei der Hübnerslies war es genauso gewesen. Aber die Mädchen nehmen eben keine Vernunft an.

Da waren die Italiener schon. Sechs bis acht Mann. Sofort gab es ein solches Lärmen, dass das Kegeln einen Augenblick unterbrochen werden musste. Die Italiener verlangten einen Tisch für sich allein.

Der Ochsenwirt sprang hin. Man musste den streitlustigen Burschen schnell ihren Willen tun. Er hätte sie lieber gleich wieder gehen sehen. Das waren immer unangenehme Gäste, und erst wenn sie betrunken waren! Und das waren sie bald. Sie tranken das Bier wie Wasser. Und das viele Rauchen und Lärmen dazu – das stieg schnell zu Kopf.

Nun hatten sie ihren Tisch.

BokRobot · Seite 9 / 16

Anna saß mitten unter ihnen. Das laute Treiben der Italiener, ihr welsches Geplapper, das sie nicht verstand, wurde ihr bald unangenehm. Zuerst hatte es ihr seltsam gefallen, und sie hatte gelacht. Aber bald war es keine Unterhaltung mehr für sie. Das Fremde hatte sie gereizt, die Gesten, die sprechenden Augen, die geschickte Art der Italiener. Wie sie ihr das Glas zum Anstoßen hinhielten! „Cara mia!“ – wie das in ihren Ohren klang!

Doch bald hatte das alles seinen ersten Reiz verloren. Sie staunte nicht mehr, es war ihr vertraut, fast gewöhnlich. Fremd blieb es ihr freilich, eine halbwehmütige Komik lag darin. Zumindest heute. Es war ihr unwohl. Vielleicht, weil sie das einzige Mädchen auf der Kegelbahn war.

Doch sie wollte sich darüber hinwegsetzen.

Aber dieses ewige Italienisch um sie herum! Sie war richtig froh, wenn sie deutsch radebrechten. Das hatte sie neulich bei der Tanzmusik gar nicht bemerkt, nicht gefühlt. Da war Musik, da waren andere Mädchen. „Ein schöner Italiener!“, hatten die gesagt.

Und er hatte sie zum Tanz geholt. Darauf war sie stolz. Sie hatte bei der Tanzmusik auch bei ihm und den anderen Italienern gesessen. Aber das war ihr ganz anders vorgekommen. Dieses Lärmen, Fluchen und Spucken war ihr heute rein zum Ekel.

Sie betrachtete ihre Begleiter. Die braunen, kantigen Gesichter unter den großen Hüten, die schwarzen Augen. Sie hätte sich fürchten mögen. Selbst ihr Lächeln wirkte böse, verzerrt.

Ein paar Geschichten fielen ihr ein. Sie schauderte heimlich. Sie musste an die Hübnerslies denken, die mit ihrem Kind in den Grafenteich gegangen war. Und der Italiener war fort über alle Berge. Und an den Rothekarl musste sie denken, wie er tot dalag am dritten Kirchweihtag. Wegen einer Kleinigkeit hatten sie ihn erstochen. Und niemand hätte sagen können, wer es getan hatte.

Anna musste an ihren Heimweg denken. Nein, um nichts in der Welt würde sie allein mit denen nach Hause gehen – am Abend, fünf Stunden Weg.

BokRobot · Seite 10 / 16

Und wie sie wieder heute tranken! Auch der Fiori. Sie musste immer mit ihm trinken. Oh, wenn sie nur heraus könnte! Am liebsten wäre sie weggelaufen. Ständig musste sie an den Abend und den Heimweg denken. Und die Hübnerslies fiel ihr ein und der Rothekarl. Oh, sie hatte Angst! Eine solche Angst!

Sie betrachtete Fiori. Er war ja schön. Diese dunklen, leuchtenden Augen! Die roten Lippen und das schwarze Schnurrbärtchen darüber.

Aber sie hatte Angst.

Etwas Angst hatte sie immer gehabt, wenn sie sich abends hinter dem Garten trafen. Aber so schlimm wie heute noch nie.

Hätte ihr Vater sie nicht gleich geschlagen – sie hätte nicht so trotzig gehandelt. Aber so –

Doch jetzt wusste sie: Sie mochte Fiori nicht mehr.

Sie malte sich ihr künftiges Leben mit ihm aus. Er verdiente viel, aber er gab auch viel aus. Dieses starke Trinken! Und dann den ganzen Tag allein, ein paar Kinder versorgen, und dann in der Mittagshitze hinaus zum Arbeitsplatz, den Essenskorb in der Hand. Und immer die Angst um ihn bei der gefährlichen Arbeit! Wie oft passierte ein Unglück bei den Sprengarbeiten! – Oh, dann wäre sie auch bald so alt und abgearbeitet wie die anderen Italienerfrauen! Und schließlich ginge es woanders hin! Gott weiß wohin! Unter ganz fremde Leute! Lauter fremde Menschen! Sie könnte heulen, das Lachen wäre ihr fremd! Und die armen kleinen Kinder!

Noch nie hatte sie ernsthaft ans Heiraten gedacht.

Ach, wie war ihr jetzt so elend!

Da stieß Fiori schon wieder mit seinem Glas an ihres. Sie war verzweifelt und wollte nicht mehr trinken.

Da stieg ihm eine Zornesglut zu Kopf, er stieß sein Glas hin, zischte einen Fluch und sprudelte einen langen italienischen Satz heraus, bis ihn die anderen beruhigten. Sie redeten auf ihn ein, das merkte sie an ihren Gesten; denn sie verstand ihre Sprache nicht.

Aber sie war völlig außer sich. Wenn sie nur Hilfe finden könnte! Aber bei wem, aber wie?

„Du lieber Gott!“

Sie nahm ihr Glas und trank.

Sie sah sich um, als ob sie Hilfe finden könnte. Ihr Blick wanderte über alle Tische, in jedes Auge. Er blieb auch an Jean hängen, der die ganze Zeit schon beobachtend zu ihr herübergesehen hatte.

BokRobot · Seite 11 / 16

Er musterte sie mit tiefer Befriedigung und stillem Wohlgefallen. Eine Frau! Sofort war es ein unbewusstes Einssein, ein Verlangen, ein Besitzanspruch. Es kam wie ein Erwachen über Jean, wie eine Verklärung lag es in ihm.

Und so wuchs alles in ihm, als er diese Anna unter den Italienern betrachtete. Es wuchs still wie eine heimliche Glut. Es machte ihn nicht heiß, es machte ihm nur wohl. Es nahm ihm nicht die Selbstbeherrschung und peitschte nicht seine Sinne.

Diese Anna war schön. Sie hatte volles, blondes Haar und große, blaue Augen. Ihr runder Kopf saß auf einem schlanken Hals, der aus einem weißen Kragen wie feines Elfenbein leuchtete. Ihre Wangen waren rot, aber zart wie das Rot eines Pfirsichs. Sie war sauber und appetitlich zum Anbeißen.

Jean achtete auf die Bewegungen ihrer Hände. Auf ihre Anmut legte er Wert. Er hatte sich oft dabei ertappt, dass er das bei allen Menschen tat. Menschen mit ungeschickten Händen, mit steifen und unbeholfenen Bewegungen, stießen ihn ab. Das hatte er wohl noch vom Theater her.

Ohne jedes Gezier hatte sie ihr Glas genommen. Die Hand hatte sich hübsch gerundet, das Handgelenk leicht gebogen. Er lächelte. Ihre Hand war nicht gerade klein, aber auch nicht groß. Dass sie nicht plump und täppisch war, genügte ihm.

Anna saß da wie eine beleidigte Prinzessin, wie ein ängstliches Kind.

Und wie ihre Blicke umherirrten!

Jean erkannte sofort: Sie schämte sich.

Alles in ihr war angespannt. Das übertrug sich auf ihn, auch in ihm spannte sich etwas. Er sah scharf zu ihr hin. Wie sie sich vor dem Italiener hütete, sich förmlich vor ihm verbarg.

Sie hatte Angst – das wusste er mit einem Mal.

Sie war voller Unruhe, aber sie verhielt sich ruhig. Sie wusste, dass sie ein gewagtes Spiel spielte.

Voller Unschuld deutete sie dem Italiener dies und das in der Kegelbahn, wohin ihre Augen gegangen waren. Er schaute hin – ihr Blick glitt weiter. Fast mit Rührung fühlte Jean: Sie fleht die Menschen an, fromm und stumm.

Er sah ihr lange zu.

Und dann dachte er: Sie ist raffiniert. Doch als er sie weiter sah, hilflos und flehend, schalt er sich. Sie war herzlich und arm, bittend wie ein Kind. Niemand verstand ihren Blick. Blitzschnell wanderte er weiter.

BokRobot · Seite 12 / 16

Verzweiflung lag darin. Jean wurde immer heißer. Er war fast von Sinnen. Sie würde es nicht mehr aushalten, würde sich ihm verraten. Und dann wäre sie verloren – er würde sie niederstechen.

Da sah sie zu Jean.

Sie sah seinen Blick und zuckte zusammen. Einen Moment. Sie flehte, flehte, flehte. Ganz Kind. Einen Moment.

Sie wusste schon, dass sie verstanden und erhört war.

Sie atmete auf. Ihre Brust hob sich. Etwas Weiches kam in ihren Blick und legte sich über ihre Züge. Die Anspannung in ihr wollte sich lösen, sie spürte es, und man sah es deutlich.

Da ging wieder ein Schrecken über ihr Gesicht, fuhr in ihre Augen. Sie riss sich zusammen.

Sie warb, warb, warb. Einen Moment. Einen heißen, tiefen Moment. Jean rührte sich nicht. Aber sie verstand seinen Blick.

In diesem Augenblick war sie nur noch Frau. Sie strich sich eine Locke von der Stirn und ließ die Hand über die Augen gleiten. Sie lockte. Aber es war nicht gewöhnlich, es lag eine unendliche Seligkeit darin. Sie musste die Augen schließen, sie musste sie schließen. Sie war wie im Taumel.

Ein Lächeln spielte um ihren Mund.

Der Italiener stieß sie an. „Prost!“ sagte sie. Er trank einen tiefen Zug.

Aber in seinen Augen flackerte es. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, jeden Blick. Er lag auf der Lauer wie ein Luchs.

In Jean war die Glut zur Flamme geworden. Sie schlug nun hoch und wuchs in ihm. Und er wuchs dabei. Er fühlte seine Kräfte, und er fühlte sich als ihr Meister.

Er hatte sich vorhin gefragt: Wie bringe ich dieses Mädchen aus dieser Gesellschaft? Er fragte nicht mehr. Er sagte sich: Dieses Mädchen muss aus dieser Gesellschaft heraus.

Einen Augenblick hatte er sich geängstigt: Kann dieses Mädchen in dieser Gesellschaft rein geblieben sein? Dann fiel ihm ein: Sie ist ja erst kurz darin, sie muss rein sein – sie war rein.

Er sah noch ihren flehenden Kinderblick, ihr ängstliches Werben. Immer sah er diese Augen, diese Wimpern, die weit aufschlugen, sich scheu senkten und schlossen, während die Hand von der Stirn über die Augen glitt.

Und plötzlich wusste er: Sie muss mein werden.

„Sie muss mein werden!“, rief es in ihm. „Ich will sie erringen!“

Er stand auf – er ging wie im Traum.

BokRobot · Seite 13 / 16

Er kam sich viel größer vor als alle, viel stärker, viel wichtiger. Die anderen sah er nicht, er war ganz von sich erfüllt. Aber ganz in ihr und nur in ihr. Als ginge er eine weite Straße entlang, in ein weites Land, ihr entgegen. Und aller Widerstand war ihm ein Spiel, spielend überwand er ihn – und sie sah ihm zu. Lächelnd, winkend.

So ging er wie im Traum. Die Welt war ihm weit geworden und doch nur eine enge Bühne für seine Taten. Vornehm, stolz gerüstet, ein glänzender Ritter – seine Jugend grüßte ihn. Das Beste seiner Jugend – in seinem schönsten Lebensmoment.

Er zahlte seinen Einsatz.

„Der Jean wirft! Hurra!“

Er würde gewinnen, das wusste er. Siegen! Es war die größte Tat, die er jetzt vollbringen konnte.

Er stellte sich in die Reihe und wartete geduldig. Er sah gar nicht, was die anderen warfen. Das war ihm gleichgültig.

Da rief man seinen Namen. Er trat vor – wieder wie im Traum. Er nahm eine Kugel, ohne lange zu prüfen. Die erste beste nahm er und schob sie hinaus.

„Hurra! Alle Neune!“

Sie lagen alle. „Alle Neune, richtig!“, rief der Polizeidiener.

„Zweite Kugel, Herr Ober!“, rief der Lehrer.

Jean schob die zweite. „Runde! Bravo, bravo!“ – „Der hat Glück! Donnerwetter! Der hat die Uhr!“ – „Runde, richtig!“, rief der Polizeidiener.

„Dritte Kugel, Herr Ober – auf den König!“, rief der Lehrer.

„Ein feiner Sprungkegel jetzt“, sagte einer wohlmeinend zu Jean und klopfte ihm auf die Schulter, „da kommt keiner drüber.“

Jean schob die dritte. Diesmal zielte er ein wenig. Zweimal zögerte er. Dann, beim dritten Mal, flog die Kugel. Fein in der Mitte setzte sie auf. Drei Schritte lief er mit. „Der liegt!“, sagte er und drehte sich um.

In der halben Bahn machte die Kugel den ersten Sprung, gleich darauf noch einen, beim dritten spritzte sie über den liegenden Kegel, und der König lag.

„König!“ – „König, richtig!“, rief der Polizeidiener. – „Neun, Runde, König –“

Der Lehrer wollte die Würfe zusammenzählen, aber der Lärm und das Hallo waren so groß, dass man nichts mehr verstehen konnte.

BokRobot · Seite 14 / 16

Jean schritt zu seinem Platz zurück. Stolz, die Brust hochgeworfen. Die Buchenauer brachten ihm ein Hoch aus. Er schwenkte den Hut. „Danke!“, rief er. Dabei sah er Anna an, mit einem großen, alles verschlingenden Blick.

„Einen Humpen! Einen Humpen Wein!“

Anna strahlte. Ihr Blick hing an seinem, so tief, so innig, so eins.

Das Fremdartige, das ihr an dem starken und schönen Italiener so gefallen hatte, wurde jetzt ganz überschattet von der Kraft und Schönheit der eigenen Art.

Heiß entbrannt war ihr Herz. Doppelt heiß in dieser Stunde, da er sie aus ihrer Bedrängnis befreien, aus der Gefahr erlösen wollte, in die sie sich begeben hatte. Sie war sein! Sie fühlte: Er konnte sie fordern, er würde es tun. Ihr Blick gab ihm jedes Recht auf sie.

Sie zitterte – nicht aus Angst, sondern in glücklicher Erregung. Den Italiener fürchtete sie jetzt nicht mehr. Er war ihr gleichgültig.

Sie vertraute ganz auf Jean. Wie es werden sollte, wusste sie nicht, konnte sie nicht ausdenken. Am liebsten wäre sie ihm in die Arme gestürzt und hätte ihn geküsst, nur geküsst, geküsst!

Aber sie tat nichts. Sie wartete auf ihn. Er würde alles schon machen, dieser starke, stolze, umjubelte Mann.

Der Italiener knirschte mit den Zähnen. Er sprach erregt mit seinen Kameraden. Er hatte erkannt, dass hier einer um sein Mädchen warb – dass er ihm den Rang ablaufen würde, ja, dass er schon gewonnen hatte.

Die Italiener tranken rasch aus. „Auf!“, zischte er. „Amante mia; Anna!“, flötete er. Sie gehorchte.

Da kam Jean mit dem Humpen auf sie zu. Flamme traf auf Flamme.

„Auf deine Gesundheit, Mädchen!“

„Prost! Bravo!“, schrie es ringsum. Man hatte Jean verstanden.

„Prost!“

Hinten rollte dumpf eine Kugel in die Vollen.

Anna schlug die Augen nieder.

Jean trank einen tiefen Zug. Dann reichte er den Humpen dem Mädchen.

Der Italiener packte Anna schon am Arm. „Die bleibt hier!“, sagte Jean, als wäre er ihr Herr, ihr Vater.

Sie stand schon an seiner Seite und atmete tief auf.

Die Italiener waren verblüfft. Einen Augenblick sprachlos. Dann brachen sie in Flüche aus.

Anna schmiegte sich eng an Jean. Der legte seinen Arm um ihren Nacken.

„Wer will jetzt noch etwas?“ Groß stand er da.

„Bravo!“, rief es.

BokRobot · Seite 15 / 16

Eben kam der Humpen mit dem Rest zurück. Jean leerte ihn. Als er trank, flog ihm ein Messer an den Augen vorbei.

„Ha, ha!“, sagte er. „Jetzt geht es los! Aber offen und ehrlich, Kraft gegen Kraft. Ein Schuft, der sich sein Mädchen nehmen lässt. Nun, wer gewinnt!“

Rasch hatte er Anna hinter sich auf einen sicheren Platz geführt. Dann stand er zum Kampf bereit.

„Hier stehe ich – allons!“, sagte er.

Einer der Italiener wurde schon festgehalten; er hatte das Messer geworfen. Der Polizeidiener sprang dazwischen – er war machtlos. Von allen Seiten hagelte es Schläge. Stöcke, Gläser, Fäuste. Alles geriet durcheinander.

„Ehrlich!“, rief Jean. „Kraft gegen Kraft, nicht das Messer! Ein feiger Schuft, wer sticht!“

Vor ihm kämpften sie in einem solchen Durcheinander, dass Freund und Feind schwer zu unterscheiden waren. Nun sprang Jean hinein. Wen er packte, der fiel; den Freund befreite er und half ihm auf; den Verletzten zog er heraus. Er hatte keine Waffe – seine Faust und sein starker Arm genügten ihm.

Der verschmähte Liebhaber kämpfte wütend. Er versuchte, an Jean heranzukommen. Jean war es recht. Jetzt hatte er freie Bahn.

„Ach Gott!“, schrie Anna. Sie wusste, jetzt ging es um Leben und Tod.

Der Italiener stürzte sich auf Jean. Der aber war gefasst. Kragen, Rock, Weste und Hemd wurden ihm nur aufgerissen. Nun kämpfte er mit bloßer Brust.

Er packte den Gegner an den Armen. Wie eiserne Ringe legten sich seine Finger um die Muskeln des Feindes. Er drückte ihm die Arme an die Seiten. Der Italiener keuchte.

Zuerst leistete er Widerstand, dann ließ er nach. Aber Jean blieb vorsichtig: Die Kraft des Gegners konnte noch nicht erschöpft sein.

Plötzlich schnellte der Italiener auf, um Jean, den er siegessicher wähnte, zu werfen. Aber der hatte ihn schon an der Kehle gepackt und zusammengerissen, sodass er sich überschlug.

„Hurra!“, schrie es. „Der Jean hat gewonnen!“

Der Italiener bäumte sich auf. Jean hielt ihm die Arme fest. Auch jetzt fürchtete er eine List.

Der Italiener warf sich auf die Seite und suchte seine Messertasche.

„Freundchen, Messer nicht!“, sagte Jean.

„Steh doch jemand dem Herrn Ober bei!“, rief es. „Wenn der Kerl sein Messer erwischt!“

BokRobot · Seite 16 / 16

„Nicht helfen, keiner soll helfen – Kraft gegen Kraft! So will ich gewinnen!“, rief Jean, halb außer Atem. Und mit aller Kraft versuchte er, den Kopf des Gegners auf den Boden zu zwingen.

„Er hat gesiegt – gewonnen! Hoch der Herr Ober!“, rief es schon.

Da gellte ein Schrei. Er gellte furchtbar durch Mark und Bein. Ein menschlicher Schrei – und doch kaum zu glauben, dass er aus einer menschlichen Kehle kommen konnte.

„Ah – hui–u–u–u–io!“

Der Schrei schnitt, riss, pfiff und röchelte. Er ging durch eine ganze Tonleiter, durch alle Vokale. Entsetzen lähmte alle.

Der Kampf war zu Ende.

Jean war rücklings zu Boden geschlagen.

„Schu–u–ufft!“, stöhnte er.

Einer der Italiener hatte ihm hinterrücks das Messer ins Herz gestoßen. Er stöhnte noch einmal – noch einmal warf er sich herum. Er schnellte hoch.

Schwer und dumpf fiel er nieder.

Dann lag er still, die Arme weit ausgestreckt, Blut vor dem Mund.

Die Italiener waren verschwunden. In der Bestürzung hatte niemand nach ihnen gesehen, selbst der Polizeidiener nicht. Unbemerkt hatten sie sich davongemacht.

Wer hatte gestochen? Nicht Fiori.

Man stand um den Toten. Einer bückte sich und legte sein Ohr auf Jeans nackte Brust. „Er ist tot!“, sagte er.

Anna saß auf ihrem Platz und weinte. Sie konnte nichts denken, nichts begreifen.

Jean war tot. Da lag er – nie wieder würde er aufstehen. Tot, tot!

BokRobot

BokRobot

BokRobot vereint Bücher und Märchen zum Lesen und Entdecken. Hier findest du eine wachsende Auswahl und kannst auch eigene Bücher und Märchen gestalten.

More books you might like