Alfred DöblinDie Segelfahrt

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Die Segelfahrt

Alfred Döblin

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Lauf: 2026-09-03 04:56Page 1 / 11

Die Digue von Ostende lag im blendenden Mittagslicht. Die geschmückten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen aneinander vorüber. Im Widerschein des unermesslichen Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich. Das unablässige Brausen des Meeres rollte von den Steindämmen zurück, schwoll wieder an und ließ wieder nach.

Der schwere Brasilianer ging mit offenem Mund unter den geschmückten Menschen. Er ging dicht am Geländer der Promenade. Er hielt den Kopf gesenkt, wie von Badewasser überrieselt; seine vollen Lippen waren feucht. Die schwarzen, weiß durchzogenen Haarsträhnen fielen über seine Ohren. Er wandte den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem Anprall des scharfen Winds zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem freudigen Blick das graugrüne Wasser. Sein gelbbraunes, schwammiges Gesicht zuckte, und die Augen, die in grauen Höhlen lagen, schimmerten. Er spürte die feinen Luftwirbel, die um seinen bloßen Hals fuhren, das graue Schläfenhaar anhoben und gegen seine Wange stachen. Er fror leise; blickte an seinem weißen Vorhemd entlang, über das weißer Sonnenschein floss, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, dass sein Blick vielleicht Schatten werfen könnte. Er seufzte und drückte sich tiefer zwischen die Menschen.

Das Schüttern des Eisenbahnzugs schwang noch in ihm nach, der ihn gestern von Paris an die See getragen hatte.

Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen Glück; plötzlich gedachte er seiner achtundvierzig Jahre. In Paris hatte er vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, die glatten Säle, die bestialischen Tänze ertragen; dann warf ihn eine schwere Lungenentzündung nieder; er lag wochenlang aufgegeben im Hospital. Als er am Sonntag das Haus mit schwachen Knien verließ, schlug er den Kragen seines Lodenmantels hoch, bestieg eine Droschke und fuhr zum Bahnhof. Einen Tag schlich er gebeugt durch das tote Brügge. Dann raffte er sich auf und jagte in der Julihitze nach Ostende.

Er hob den Blick von dem dünnen Sand, der unter seinen Füßen wegzog.

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Sie glitt zum zweiten Mal an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter einem breitrandigen weißen Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht jungen Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig. Er hörte hinter sich eine hohe, gesangvolle Stimme.

Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick hörte der Wind auf, mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten Dame, die sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; gerade als er über ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weiße Hut wippte über der Menschenmenge und verschwand um eine Ecke.

Copetta schlenderte in ein Café und löffelte eine Schokolade. Das Meer rollte unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der Sandkörnchen; der Wind warf mit feinen Stichen.

Nachmittags, zur Zeit des Kurkonzerts, ging der schwarze Brasilianer in einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech wehte die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt für Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm zurück. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dünnen roten Brauen blickten bestimmt und nüchtern; über der Nasenwurzel hatte sie Sommersprossen, und von den Augenwinkeln zogen sich Fältchen. Ihr Gang schwebte.

Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen und schlenderte weiter.

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Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte zur Hand nahm, fiel ihm ein, dass er heute dreimal eine Frau gesehen hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau, schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob er seinen Stuhl zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vor-sich-hin-Starren zog er seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa, in der er sie hatte verschwinden sehen, und gab sie einem Mädchen ab. Als er wieder die Meeresluft an seinem Hals spürte, fragte er sich, wozu das eigentlich gewesen war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür hinter sich zu, warf sich im finsteren Zimmer auf einen Schreibsessel, zerriss die Bilder seiner beiden Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten Trauring ab, hing ihn über die Schere und hielt den Ring über die brennende Kerze.

Die Steine verkohlten; die Schere wurde heiß; er ließ sie fallen. Er wühlte mit beiden Armen in zwei großen Eimern mit Meersand, die er sich aufs Zimmer hatte bringen lassen, stand ächzend auf, bestreute den Boden und den Teppich blind mit Sand und fluchte leise auf die Hunde und die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht hatten. Er schlief auf seinem Sessel ein.

Als er am nächsten Mittag auf der Veranda in einem Liegestuhl lag, tief die scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloss, stand vor ihm das Bild der gehenden Frau: ein sehr schmales, verwelktes Gesicht, ein klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn bitten lassen, sie nicht mittags zu besuchen. Er warf die dünne Decke von den Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt schwerfällig, die Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen hinunter, über die leere, sonnige Promenade auf ihre Villa zu, ein einstöckiges Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen dunklen Korridor, klopfte leise an die Tür, an der ihr Name auf einer Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er riss die Tür auf.

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Sie lag halb im Bett; um herauszuspringen, hatte sie die blaue Decke zur Wand geworfen. Zwei volle, frauenhafte Beine berührten mit feinen Zehen eben den Boden, ein sehr schmächtiger, strenger Körper richtete sich auf in einem einfachen, bandlosen Hemd, ein ernstes, schmales Gesicht unter dem aufgelösten Haar.

Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tür stehen. Sie lächelte, deckte sich zu und bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen. Totenbleich, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden auf. Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine, nüchterne Augen.

Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen in der Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift und schrieb auf dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh kommen; unter ihre Initialen L malte sie noch einen wunderlichen Schnörkel, den sie fast eine Minute zeichnete.

Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zum murmelnden Strand hinunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand, als sie sich nach ihm umwandte, dass sein Gesicht leidenschaftlich zuckte. Er trug ganz weißes Leinen; er ging barhäuptig; die linke Hand trug er am Handgelenk verbunden; er sagte, er hätte sich gestern Abend beim Sturz über Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck stieß er ein kleines Ruderboot ins Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang nach und ruderte gemächlich auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrücke am Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler; Copetta zog schon den Anker; ihre bloßen Arme hielten sich an der Steuerbank fest, leise klangen die hölzernen Mastringe an, nach einem Zug blähte sich das Großsegel; das Boot ging in See.

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Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinaus. Über die scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der von Augenblick zu Augenblick stärker wurde und höher rückte. Bei dem starken Morgenwind flogen sie gleichmäßig dahin. Nun hockte der Brasilianer neben dem Großbaum auf den Planken und legte die Takelung fest. Wild lachend richtete er sich auf, schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein Lasso um seinen Kopf und warf es gegen sie; sie schüttelte sich, umschnürt, löste sich mit einem Ruck und schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden, sich über Bord gebeugt, überschüttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser, warf, einen Fuß auf der Ruderbank, bis über die Ärmel triefend, zwei volle Hände gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlürfend mit offenem Munde auf und schluckte.

In dem böig aufblasenden Wind ließen sie das Boot laufen, das anfing, wie ein unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich über die Planken. Johlend sprang die Schmächtige auf die Ruderbank und schlug mit den Fäusten gegen die Takelung. Sie riss sich ihre dünne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund mit den dünnen Lippen öffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen.

Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bootsrand; erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen und hochgezogener Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Knie legte und ihn neugierig betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre aufstrebenden Schultern ab; er wiegte verneinend den Kopf hin und her. Die Wellen krochen über Bord; sie schlüpften wie kleine Hunde sacht an ihnen hinunter auf die Planken. Der Wind nahm an Stärke zu. Das Boot legte sich stark über, das Kleid des Großsegels begann zu flattern, sie schossen in den Wind.

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Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr triefendes Haar weg; das alte Mädchen suchte mit zurückgebeugtem Kopf nach seinem Mund, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin. Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer ein feierliches, glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte steuerlos, Welle auf Welle rollte heran. Copetta saß auf dem Bootsrand.

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Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme und legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie hörte, wie er etwas murmelte; sie sah noch den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand.

Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen Schmerz in ihrem blutigen Arm. Sie schrie gellend um Hilfe zu der Stelle hin und stieß lange Rufe aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot liegen. An Land erwartete man sie. Man wusste alles; Copetta hatte ein Telegramm an die Behörde geschickt.

Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa. Dann sagte man ihr, dass sie mehrmals mittags im Speisezimmer sich vor den anderen auf die Dielen geworfen und mit den Händen in die Luft getastet habe. Dass das Hausmädchen von außen beobachtet hätte, wie sie am hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte. Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verließ ihre Mutter und fuhr nach Paris.

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Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug ihr rotes Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich jedem Zeitungsjungen, jedem Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute jeder Krankheit, die auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit Gähnen und Inbrunst weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in die strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen Augen glänzten unter dem Atropin. Die jungen Männer nannten sie: die Hyäne. Sie trug in die Ballsäle eine sonderbare Art, sich zu bewegen. Der Tanz war ersichtlich aus einer eigentümlichen Ungeschicklichkeit der Tänzerin entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett zeigte.

Sie stieß jede berührende Hand zurück, wiegte sich in den Hüften vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer von einem Bein auf das andere taumelnd. Dann umging sie mit plumpen Füßen ihren Partner, und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte gefasst, aber er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurück; sie suchte ihn, sank über ihn hin, und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ sich von ihrem Partner halb tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden schleiften und sie die Augen schloss.

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Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu einem riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange den mächtigen Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie warf die Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono über der Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem stark parfümierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine Uniformmütze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: »Herrn Copetta, Ostende, Hotel Estrada, erwarten Sie mich morgen Mittag. Bitte Drahtantwort.« Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden schickte sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber Bastseide an und fuhr zum Bahnhof.

Der Zug raste lange Stunden der Nacht, raste über Brüssel, Gent, Brügge; schließlich Ostende frühmorgens. Sie rasselte durch die engen, bekannten Straßen der Stadt. Mit einem Mal leuchtete zwischen den Häusern das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand aufgerichtet in der rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem Hagel von Stichen überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm und winkte dem graugrünen Meer zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder und hörte halb, dass ihre Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr Gesicht war still; aber als die Pensionsdame sie entsetzt fragte, warum sie hier sitze und so lache, antwortete sie: »Doch vor Glück, liebe Frau, wovor denn als vor Glück. Was erzählen Sie?«

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Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte, ihren weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag im blendenden Mittagslicht. Im Widerschein des unermesslichen Wassers funkelten die Fenster der Strandhäuser zärtlich. Unablässig brüllte das Meer, warf sich gegen die Steindämme und legte sich platt hin. Sie drängte sich gewandt durch die geschmückte Menge und schlüpfte in das Vestibül des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzählte, der Herr sei vor etwa einem Jahr bei einer Segelpartie verunglückt. Sie fasste sich an die Brust: »Auf diesem Meer?« Und dann drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, warf ein paar Zeilen mit ihrer Adresse auf ein Blatt Papier, flüsterte ihm ins Ohr, er möchte doch dieses Blatt an sich nehmen; wenn der verunglückte Herr heut Abend käme, möchte er es ihm sofort geben.

Sie ging an dem Verblüfften lächelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte, an, hörte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit strahlendem Gesicht die freche, leichte Musik des Kurkonzerts.

Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem ungeheuren Wasser.

Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut gesetzt. Sie lief auf Zehenspitzen durch den dunklen Korridor, sah die lange Strandpromenade hinunter, die im blendend weißen Mondlicht lag. Dann lief sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor und machte ihm lange Nasen. Sie spähte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwölf Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt zusammen; es war schon ganz hell. »Er ist voraus.« Sie huschte zur Tür hinaus, warf draußen johlend die Arme in die Luft, rief ihren Namen und tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe hinunter. Sie suchte die Abfahrtstelle und lief zu den Badehäusern. Da lagen kleine und große Ruderboote.

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Keine frischen Männerschritte im Sand! Sie zog Schuhe und Strümpfe aus, warf ihren Hut an den Strand, schürzte ihren Rock und zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie ein und zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung zurückgeworfen, dann fuhr sie sicher hinaus.

Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen; weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen, gebogenen Wellenwände kroch ihr Boot, stürzte metertief und kroch unverdrossen weiter. Sie suchte nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie, auf den Knien kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend über das brodelnde Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen über den Bord; wie Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der Atemlosen, die sich die Augen wischte. Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin und brach in ein wütendes Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die Brust, als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete.

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Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot. Der Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf die Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen Anzug trug er prall auf dem Körper.

Die weißgrauen Haare waren dick mit Salz inkrustiert; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über sein triefendes gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner weißer Sand und Muscheln rieselten von seinen breiten Schultern und flossen aus seinen Ärmeln. Er blies laut die Luft aus, dann atmete er stiller. Langsam hob er den rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend vom Boden erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles, frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren, ihre kleinen, lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt und süchtig strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie stürzten unter peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hörte ihr eigenes entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flöten des Sturms. Er senkte den Arm und legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rücken gegen die Welle. Das Polster glitt zurück.

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Sie sah, wie er langsam den Kopf zu ihr wandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich gerichtet, sprang ihm nach, und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd und drückte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie zusammen die nassen Wellen berührten, wurde sein Gesicht jung; ihr Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen nicht voneinander; ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an. Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermessliche graugrüne Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen zu den jagenden Wolken hinauf. Die purpurne Finsternis schlug über ihnen zusammen. Sie wirbelten hinunter in das tobende Meer.

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