Project Gutenberg
Jenny
Undset, Sigrid
6 Kapitel · 309 Seiten · 101 579 WörterSigrid Undset
Jenny
Gyldendal'scher Verlag A. G. Berlin
Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Thyra Dohrenburg
Alle Rechte vorbehalten 1921 Druck: Gyldendal'scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei Berlin SW 68
Erstes Buch
I.
Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.
An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. -- Das also war der Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.
Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.
Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle Straßen Roms zu laufen -- ohne Aufhören -- am liebsten die ganze Nacht hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der Sonne zuschaute.
Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut -- nein, wie es jetzt vor ihm lag.
Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil es anders war, als er sich's im Geiste ausgemalt daheim, in seiner Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.
Und das war Rom...
Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm -- ein Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft starrten, rauchte nicht ein einziger.
Auf den rotbraunen, runden alten Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem oder grauweißem Mauerwerk -- oder schliefen hinter geschlossenen Läden. Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.
Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.
Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.
Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut -- das Wasser klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das Bassin hinab.
Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge hin: „Roma, Roma, ewige Roma". Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.
Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden -- er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz zugehen.
Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war lichtblond und trug einen hellen Pelz.
Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, als kündeten sie Sturm.
Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken -- riß Zweige, Planken und Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?
Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der gewiesenen Richtung weiter.
Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen Silhouette eines Engels gekrönt. -- Helge erkannte die Umrisse der Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße Funken.
Helge lüftete den Hut vor einem Manne:
„~San Pietro favorisca?~"
Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.
Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben dem anderen.
Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, auf Schnüren aneinandergereiht -- sollten dies italienische Spitzen sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, zu handeln --. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem Grunde, zerbrochene Möbel.
Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helge auf dies und jenes zeigte, und „~quanto~" sagte. Das einzige, was Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren -- man müßte jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und dann gehörig feilschen.
Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn auf den Tisch: „~quanto?~"
„~Sette~," sagte der Mann und spreizte sieben Finger.
„~Quattro.~" Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit seinem ~quattro~ und seinen vier Fingern.
„~Non antica~," warf er überlegen hin.
Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „~antica~."
„~Quattro~," sagte Helge zum letzten Male -- jetzt hatte der Mann nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.
Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, -- auf die beiden halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf die Mitte des Marktes hinausschob.
Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.
Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.
Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte -- schritt vorwärts und stand wieder -- doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern zu vernehmen. -- Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.
*