Paul HeyseDas Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

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Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

Paul Heyse

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Lauf: 2026-09-06 07:38Strona 1 / 38

Es war einmal ein gewisser Musje Morgenroth, ein Stiefelputzer, und zwar ein sehr vornehmer, denn er putzte nur die Stiefel von Geheimräten. Außerdem besaß er ein besonderes Talent für die edle Musik, denn er war der Sohn eines Organisten und hatte seit seinem siebenten Jahr den Blasebalg treten müssen. So war sein Kopf voller schöner alter Lieder, und er klimperte auf der Gitarre eine herzbrechend schöne Begleitung. Sein Spazierstöckchen aus Pfefferrohr, ohne das kein ehrlicher Stiefelputzer durch die Welt kommen kann, ließ er den ganzen Tag nicht aus der Hand, und nachts legte er es in ein Puppenbettchen, das er von seinem jüngsten Schwesterchen geerbt hatte – Gott hab sie selig! Denn er liebte beide sehr, das Stöckchen und das Schwesterchen. Er besaß nur einen Rock und einen Wunsch, die er beide schon sehr lange mit sich herumtrug.

Mit dem Rock ging es umgekehrt wie mit dem Wunsch: Er wurde immer schäbiger und bequemer, während der Wunsch immer stärker und unbequemer wurde. Dieser bestand aber in nichts Geringerem als dem Wunsch, einmal dorthin zu gelangen, wo der Pfeffer wächst. Dort, meinte er, müsse das wahre Land für Stiefelputzer sein, wo die Pfefferrohre wild wüchsen und nicht so ein Heidengeld kosteten. Ja, wer doch einmal hinkönnte!

Eines schönen Abends, als der Mond gerade aufgegangen war, wanderte Musje Morgenroth zum Tor hinaus, an den Landhäusern der reichen Leute vorbei. Er hatte die Gitarre im Arm, das Pfefferröhrchen guckte ihm hinten aus der Rocktasche, und der Hut saß recht windschief auf dem linken Ohr. „Meiner Seel‘“, sagte er und sah zu den Sternen hinauf, „was der liebe Herrgott für Arbeit haben muss, bis er Sonne, Mond und Sterne blank geputzt hat! Wundert mich aber doch, dass er den Mond nicht blanker kriegt. Die dummen Flecken da scheinen sich schon lange eingenistet zu haben.“ Er schüttelte den Kopf und tat sich heimlich auf seine Stiefelputzerweisheit nicht wenig zugute. Es war nur sein Glück, dass er nicht mehr in die Höhe sah; denn der Mond schnitt ihm ein spöttisches Gesicht, und die Sternlein warfen mit Sternschnuppen nach ihm, um ihn zu necken, von denen aber keine traf.

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Er nahm wieder seine Gitarre zur Hand, schlug einige Akkorde an und sang dann folgendes Lied:

Spazier‘ ich so die Gass‘ entlang, Wenn kaum der Tag verrauschet, Dann heb‘ ich an einen trauten Sang, Dem manch ein Dirnlein lauschet. Wo eins in Liebchens Armen ruht, Dem dünkt das Liedel wundergut; Wo einsam weint ein junges Blut, Dem soll‘s gar tröstlich frommen.

So weit der goldne Sonnenschein Mag auf die Erde blicken, Will sich zusammen nichts so fein Als Lieb‘ und Musik schicken. Das wusst‘ auch König David wohl Und sang zur Harf‘ in Dur und Moll Höchst meisterlich und wundervoll Die allerbesten Lieder.

Und dies geschah vor Alters schon, Ist dennoch wahr geblieben; Ich mein‘, ich säß‘ auf Davids Thron, Sing‘ ich ein Lied vom Lieben. Und wer dies Liedel hat erdacht, Der hat so manche liebe Nacht Ein Ständchen seinem Schatz gebracht. Die ließ ihn ein zum Danke.

Als er gerade fertig war und noch so eine Art Nachspiel klimperte, wurde in einem kleinen Gartenhäuschen, hart bei ihm, ein Fenster aufgemacht, und eine steinalte Frau lehnte sich heraus. „Guten Abend, Herr Minnesänger!“, sagte sie außerordentlich freundlich. „Wo habt Ihr denn das schöne Lied her, das Ihr so wunderlieblich gesungen habt?“ – „Schönen guten Abend, gnädige Frau Geheimrätin!“, erwiderte Musje Morgenroth – denn so nannte er aus langer Gewohnheit jede vornehme Dame, die ihm vorkam –, „mit dem wunderlieblichen Singen ist‘s wohl nicht weit her.“ Das war aber die reine Bescheidenheit. „Das Lied jedoch ist ein Erbstück in unserer Familie; der Urgroßvater hat es gesungen, als er Bräutigam war.“ – „Ei“, sagte die alte Dame, „wer seid Ihr denn?“ – „Ich bin der Stiefelputzer Morgenroth“, gab der mit dem schiefen Hut zur Antwort. – „Das ist ja ein wunderhübscher Name und eine sehr ehrenwerte Kunst“, sagte die Dame wieder. „Hättet Ihr wohl Lust, noch eine Stelle anzunehmen?“ – „Ja“, meinte Musje Morgenroth ganz stolz, „ich putze nur die Stiefel und die Schuhe in Geheimratsfamilien!“ – „Ach du lieber Gott!“, lachte die alte Dame, „ich bin noch weit vornehmer.

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Ich bin eine Fee außer Dienst, und weil ich gar zu wackelig geworden bin, habe ich mich in dies Gartenhäuschen zurückgezogen und lebe von meinen Renten.“ Musje Morgenroth zog seinen Hut und machte einen tiefen Bückling. „Ich stehe ganz zu Diensten“, sagte er. Damit schien die Fee ganz zufrieden und sagte: „Hört einmal! Ich habe noch eine leere Kammer im Gartenhaus; da könnt Ihr wohnen. Müsst dann aber Eure anderen Stellen aufgeben; denn bei mir habt Ihr alles frei und einen neuen Anzug zu Geburtstag und Weihnacht, aber keinen Lohn. Wenn Ihr mir ein Jahr lang gedient habt, sollt Ihr einen Wunsch tun dürfen, den will ich Euch erfüllen, so groß er auch sein mag.“ – „Das ist alles ganz schön“, gab Musje Morgenroth zur Antwort, „aber ein Haus kann ich nicht aufgeben, das vom Geheimrat von Fresco; da putz‘ ich schon seit meinen Schuljahren die Stiefel.“ – „Auf das eine Haus soll mir‘s nicht ankommen“, sagte die Fee.

„Aber habt Ihr sonst Anhang?“ Musje Morgenroth wurde ganz rot und sagte dann: „Ich wüsste nicht; nur die Jungfer Abendbrod, die Köchin bei Frescos, die ist mein Schatz, und mit der geh‘ ich alle Sonntage zum Tanz.“ – „Ich kann gegen eine aufrichtige Leidenschaft nichts haben“, erwiderte die alte Dame, „aber nur darf sie mir nicht ins Haus.“ – „Schon gut“, brummte Morgenroth, „wenn ich nur den Sonntagnachmittag frei habe und zuweilen in der Woche ein Stündchen bei ihr sitzen kann.“ – „Das soll Euch vergönnt sein“, sagte die Fee. „Also morgen, hört Ihr wohl? Kommt Ihr mit Euren Siebensachen und richtet Euch ein bei mir. Gute Nacht, Musje Morgenroth!“ – „Sanfte Ruh, Exzellenz!“, sagte der Stiefelputzer; denn so nannte er die Dame, weil sie noch vornehmer war als die Geheimrätinnen. Oben wurde das Fenster zugeschlagen, und er stand wieder allein. Nun besah er das Häuschen mit Muße.

Es war einstöckig, hatte ein hohes spitzes Dach und lauter grüne Jalousien, und nach der Straße zu keine Tür, sondern eine im Zaun; daran hing eine Klingel, und auf dem Klingelschild stand: „Claribella, Fee außer Dienst.“ Das las Musje Morgenroth im Mondschein, machte dann seelenvergnügt kehrt und schlenderte der Stadt zu.

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„Bin ich doch auf einmal in noble Verhältnisse gekommen!“, sagte er zu sich selbst. „Morgen im Vorbeigehen ruf ich‘s gleich dem Fritz ins Fenster hinein; da wird er sehn, dass ich doch ein andrer Kerl bin als er.“ Den Fritz aber konnte er nicht leiden, weil der mit einem spanischen Rohr die Kleider klopfte und über sein Pfefferrohr ganz schnöde Dinge zu sagen pflegte. Dann griff er wieder in die Gitarre, klimperte und sang dazu und machte einen Luftsprung über den andern.

Es floß ein kleiner Graben durch die Stadt, gerade hinter dem Hause vorbei, wo Jungfer Abendbrod Köchin war. Das Kämmerlein aber, darin sie wohnte, lag neben der Küche im Erdgeschoss, und zwar nach dem Wasser zu.

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Musje Morgenroth löste nun einen Kahn, den die Wäscherinnen brauchten, vom Pfahl, stieg hinein und ruderte mit einer der hohen Trockenstangen, die in Menge dalagen, unter seiner Liebsten Fensterlein. Da fing er leise an zu präludieren und sang:

Spät im Mondenschein ich harre, Ich verliebter armer Narr, Seufze leise zur Gitarre: Lieber Schatz, ich bitte dich, Lass mich heute nicht im Stich!

Da tat sich das Fensterlein auf, und Jungfer Abendbrod sah gar freundlich heraus. Sie hatte ganz blondes Flachshaar, glatt gestrählt, und ein paar Wangen, die rot waren wie die Äpflein am Baum. Das kam daher, dass sie den ganzen Tag in der Glut am Herde stehen musste. „Guten Abend, lieber Musje Morgenroth!“, sagte sie. „Ich hab Euch schon lange erwartet, denn ich hob eine prächtige Bratwurst und ein Weißbrot für Euch auf, dazu einen Milchweck mit Rosinen.“ – „Viel tausend Dank, liebste Jungfer Abendbrod!“, sagte der im Waschkahn. „Reicht mir nur die schönen Sachen heraus; denn ich habe einen grausamen Appetit.“ Die Jungfer verschwand einen Augenblick; dann kam sie wieder zum Vorschein, gab ihm die Wurst in einer schönen blauen Tüte hinab und das Weißbrot und den Milchweck auch, und Musje Morgenroth steckte alles in seine Rocktaschen.

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Darauf fing er an und erzählte ihr, wie er nun in so noble Verhältnisse gekommen und dass die Exzellenz gesagt habe, gegen eine aufrichtige Leidenschaft könne sie nichts haben; und wenn das Jahr um wäre, wolle er sich Haus und Hof wünschen, dann könne er sie heiraten. – „Aber sagt einmal“, fragte die Jungfer, „wie alt ist wohl die Dame?“ – „Schatz“, erwiderte Musje Morgenroth, „es braucht der Eifersucht nicht. Sie sieht einer Nachteule ähnlicher als einem Menschen, und ich glaube gar, sie hat keinen Zahn mehr.“ – „Ach Gott, wie komisch!“, rief Jungfer Abendbrod und lachte, bloß um ihre blanken Perlenzähne zu zeigen; denn eigentlich ist das doch gar nicht komisch, wenn jemand keinen Zahn mehr im Munde hat.

Sie schwatzten noch eine Viertelstunde zusammen, wie sie ihr Häuschen einrichten wollten, und „eine schöne große Küche werd ich haben und viel blankes Kupfergeschirr“, sagte Jungfer Abendbrod; dann hörten sie wahrhaftig Mitternacht schlagen. „Ich muss nun aber fort“, meinte Musje Morgenroth. „Nur noch einen Kuß, liebste Jungfer!“ Sie bog sich ein bisschen heraus, und er kletterte an der Wand hinauf, hielt sich oben am Fensterkreuz fest und gab ihr einen herzhaften Gutenachtkuß. Wie er sich umsah, um in den Kahn zurückzuspringen, war der hinterlistigerweise fortgeschwommen, und die Gitarre lag auf der Ruderbank und schwamm mit. „Ach Himmel!“, rief Musje Morgenroth, „was fang ich nun an?“ – Jungfer Abendbrod bekam einen gewaltigen Schreck. „Hier hängen bleiben könnt Ihr nicht, das hält ja niemand aus die ganze Nacht; und wenn Euch am andern Morgen die Leute sähen, ich wär des Todes!

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Wisst Ihr was, ich lass Euch in die Küche.“ Damit half sie ihrem Liebsten durchs Fenster in ihr Kämmerlein, schob ihn aber eilig durch die Tür in die große dunkle Küche und schloss hinter ihm ab. Da stand nun Musje Morgenroth und wagte keinen Schritt zu tun. Endlich ging er ein wenig vorwärts, aber bauz! Da stieß er an die Kante von dem großen Küchentisch. Er wusste zwar sonst ziemlich Bescheid hier; aber er war ganz verwirrt von dem Schreck, fand jedoch den Herd und streckte sich behaglich daneben hin, dass der Kopf auf einem Reisbündel zu liegen kam. Wie er nun so lag, fiel ihm ein, er hätte ja die Bratwurst noch in der Rocktasche und das Weißbrot nebst dem Milchweck mit Rosinen. Da fing er ganz vergnügt an zu essen, und das tat ihm gar sanft. Hernach dachte er: „Willst doch einmal sehn, ob Jungfer Abendbrod schon schläft“, und da sang er mit leiser, leiser Stimme:

Lieber Schatz, was machst du? Schläfst du, oder wachst du? Unten bei dem Feuerherde Lieg ich auf der blanken Erde, Muss an dich so viel gedenken; Will kein Schlaf sich niedersenken, Weil die Sehnsucht immer wacht. Gute Nacht! Gute Nacht!

Aus dem Kämmerlein nebenan gab Jungfer Abendbrod ebenso leise zur Antwort:

Tät mich schon zu Bette legen, Bet nur noch den Abendsegen. Mondschein zwischen Wolkenschäfchen Dämmert mich wohl bald ins Schlafchen. Lege dich fein still aufs Ohr! Mach mir nicht so viel Rumor, Dass im Hause keins erwacht! Gute Nacht! Gute Nacht!

Das nahm sich Musje Morgenroth zu Herzen, betete noch ein Vaterunser, aber eh er‘s zu Ende hatte, war er richtig schon eingeschlafen. Die kleinen Mäuslein, die aus den Löchern herausschlüpften, wunderten sich nicht wenig über die ungewohnte Gesellschaft, ließen sich aber nicht stören, sondern hielten in der Küche Ball, wie alle Nacht, pfiffen sich lustige Stücklein zum Tanz, und wenn sie ausruhten, naschten sie aus Jungfer Abendbrods Zuckerdose oder knabberten an dem Brot, das im Küchentisch lag. Eins aber kam aus Versehen über Musje Morgenroths Nase gelaufen; da schlug er im Traum um sich, dass die ganze Gesellschaft erschrak und sich wieder verkroch. Und so hatte er die übrige Nacht Ruhe vor ihnen.


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Als der Hahn noch kaum gekräht hatte, stand Jungfer Abendbrod schon bei ihrem Liebsten und weckte ihn. „Guten Morgen, Schatz!“, sagte der und richtete sich auf. „Au weh! Ich bin einmal brav zerschlagen. Ach, und mich schläfert noch gewaltig!“ – „Hilft nix“, sagte die Jungfer, „Ihr müsst absolut aus dem Hause hinaus. Der Wächter hat eben aufgeschlossen, und wenn erst die Bäckerläden sich auftun, kommt Ihr nimmer unbemerkt fort.“ – „Jesus!“, schrie da mit einem Mal Musje Morgenroth, „und meine Gitarre hab ich ganz vergessen. Die ist am Ende gestohlen! Ich überleb‘s nicht!“ Und so stürzte er aus der Küche, lief die Treppen hinab und war zur Haustür hinaus.

Es war lieblich frisch draußen und still; kein Mensch ging auf der Gasse; nur die alten Mütterlein, die nicht schlafen konnten, saßen in den Nachthauben am Fenster und begossen die Blumen oder gaben dem Vögelchen sein Futter, damit das verschlafene Enkelkind, wenn‘s endlich aufwachte, seine Blumen frisch und den Liebling im Bauer lustig fände. Musje Morgenroth lief, ohne darauf zu achten, an den Graben und ging dann suchend dem Wässerchen nach. Da war denn der Waschkahn bis zu einem Kameraden hinabgeschwommen, der sich recht breit machte und ihn anhielt, und so mögen sie die Nacht sich eins erzählt haben. Die Gitarre lag unversehrt auf der Ruderbank, die Trockenstange unten im Kahn, und Musje Morgenroth schlug vor lauter Fröhlichkeit ein Rad bis in den Kahn hinein.

Darauf nahm er die Stange zur Hand und fuhr wieder den Graben hinauf, ganz stille, dass keiner das Plätschern hören sollte, band das Fahrzeug am Pfahl wieder fest und sprang mit der Gitarre hinaus.

Wie er dann durch die alte Stadt ging, war ihm zumute, als wäre er nie so fröhlich gewesen. Nein, sagte er, ich will heut den Fritz nicht ärgern, will ihm lieber ein Lied singen.

Da stellte er sich vor Fritzens Kammerfenster und sang:

Wenn die Hahnen frühe krähen, Macht sich auf Herr Morgenwind, Fegt aus mit starkem Wehen Stadt und Flur und Wald geschwind.

Allen Bäumen in der Runde Schüttelt er das Haar zurecht, Weckt die Blümelein im Grunde, Dass sich keins verschlafen möcht.

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Nebel, die an Bergen hangen, Jagd er ohne Gnade fort. Kommt Frau Sonne dann gegangen, Find‘t sie‘s sauber allerort.

Will sie ihrem treuen Winde Geben schönen Dank zum Lohn, Ist er, dass ihn keiner finde, Über alle Berge schon.

Und daran nahm sich Musje Morgenroth ein Exempel und lief, als er den letzten Ton gesungen hatte, eilig fort in die Nebengasse. Da aber stand er still und sah um die Ecke, wie der Fritz ganz munter den Kopf hinaussteckte und sagte: „Ei, wer hat mir die schöne Morgenmusik gebracht?“ – Der Musikant aber lachte vergnügt in sich hinein und ging seiner Wege weiter.

So kam er an ein stattliches Haus, da wohnte eine von seinen Herrschaften drin. Geheimrats Liese – so hieß die Köchin – stand vor der Tür und sagte: „Schönen guten Morgen, lieber Musje Morgenroth! Ihr kommt ja zeitig heut!“ – Der aber wusste schon, was er darauf zu sagen hatte, stellte sich ganz ernsthaft hin und sprach:

Ich bin in noble Verhältnisse gekommen, Eine Fee außer Dienst hat mich in Dienst genommen; Nun muss ich jedoch aus dem Dienste treten Bei Herrn Geheimrat und Frau Geheimrätin. Doch Liese bestelle, dass ich bleibe bis in den Tod Ihr gehorsamer Diener Musje Morgenroth.

Damit ging er fort und begegnete Geheimrats Käthe; die fragte ihn ebenso, und der sagte er dasselbe. Dann kam Geheimrats Dorthe, und dann Geheimrats Annemarie, und dann Grete, Line und Kläre, und das waren alle Geheimratsköchinnen, und allen denen sagte er dasselbe. Zuallerletzt aber kam er zu Frescos, und da setzte er sich bei Jungfer Abendbrod in die Küche und trank Kaffee, den sie ihm kochte, und aß einen Weck dazu und putzte dann die Stiefel und Schuh von Herrn Geheimrat und Frau Geheimrätin und den zwölf Fräulein und Junkern, wobei er seiner Liebsten ein schönes Lied nach dem andern vorsang.

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Mittlerweile war es acht Uhr geworden; da dachte er: „Es wird wohl Zeit sein, dass ich in meine neue Wohnung ziehe; sonst denkt Exzellenz Claribella, ich sei ein rechter Siebenschläfer.“ Beurlaubte sich also bei Jungfer Abendbrod und ging zum Tor hinaus. Wie er nun zu dem kleinen Häuschen kam, lag die alte Exzellenz schon im Fenster und sagte gar freundlich: „Guten Morgen, Musje Morgenroth! Wo hinaus?“ – „Ich wollte schon zu Ew. Exzellenz ziehn“, sagte der. – „Ah so“, meinte die Fee, „und die Wagen kommen wohl nach?“ – „Welche Wagen, Exzellenz?“ – „Ich meine die Möbelwagen, die Eure fahrende Habe hierher bringen.“ – „Ach du lieber Gott!“, sagte Musje Morgenroth und hätte fast gelacht, wenn‘s nicht unschicklich gewesen wäre; „all meine fahrende Habe bring ich mit, und drei Hemden und drei Paar Socken, die ich noch von der Mutter her habe, sind bei der Wäscherin, die wird sie morgen hier herausbringen!“ Da fiel die Fee fast in Ohnmacht und schlug einmal über das andere die Hände überm Kopf zusammen vor großmächtiger Verwunderung.

Endlich sagte sie: „Hier nehmt den Schlüssel zur Gartentür und klopft nur hinten an der Haustür; sie geht schon von selbst auf.“ Das tat er denn, trat in den Garten ein und stieg die kleine Treppe hinten am Haus hinauf und trat hinein. Innen sah‘s gar wohnlich und hübsch aus; die alte Exzellenz kam ihm im Flur entgegen und führte ihn in eine geräumige Kammer; drin stand ein Bett und rings lauter Kleiderschränke und Kommoden, aber alle leer. „Ei“, sagte Musje Morgenroth, „da kann ich meine drei Hemden und die drei Paar Socken bequem unterbringen!“ Die Fee tat, als hörte sie‘s nicht, denn sie war filzgeizig; sonst hätte sie dem armen Menschen wohl die Kisten und Kasten mit hübschen Sachen füllen können. „Lasst es Euch lieb sein“, sagte sie, „dass Ihr so viel Gelaß habt; man kann nicht wissen, wozu das einmal nützt.

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Wenn‘s einmal Dukaten regnet oder Bratäpfel oder sonst was Guts, so wisst Ihr gleich, worin Ihr sie sammeln könnt, und dann kommen die schlecht weg, die keinen Platz haben.“ – Das leuchtete ihm auch ein, und er sagte: „Ich will nur den einen Schrank ein bisschen bei Seite schieben, sonst kann ich gar nicht zu meinem Bett; und daneben muss auch das Puppenbettchen stehn für mein Pfefferrohr.“ Das hatte er aber im Vorbeigehen von der Witwe abgeholt, bei der er seine Schlafstelle hatte.

„Da Ihr Euch nun eingerichtet habt“, fing die alte Exzellenz wieder an, „will ich Euch sagen, was Ihr jeden Tag tun müsst. Morgens ganz früh müsst Ihr in den Garten und die Wege sauber machen, und die Eidechslein und Rosenkäfer beiseite kehren; denn die mag ich nicht leiden. Nachher putzt Ihr die Schuh, die vor meinem Schlafzimmer stehn, und wenn Ihr damit fertig seid, klopft Ihr dreimal an die Tür und sprecht dabei folgenden Vers:

Sonn‘ ist eben aufgegangen, Spiegelt ihre goldnen Wangen In den blitzeblanken Schuhen. Wollten Exzellenz geruhen, Dero Schlaf nehm jetzt ein End, Weil der Kaffee sonst verbrennt.

Und dann bringt Ihr mir meine Kaffeemaschine an die Tür, die singt, wenn der Kaffee fertig ist: ‚Wie schön leucht‘t uns der Morgenstern.‘ Wenn ich gefrühstückt habe, mögt Ihr zu Frescos gehn; aber zu Mittag seid wieder hier, da müsst Ihr mir das Essen kochen: ein Weinsüppchen, ein Rindsrippchen und ein Eierküchlein mit Pflaumen. Nach Tisch lest Ihr mir die Zeitungen vor und gebt meinem Papagei Geographiestunde. Dann ist der Tag Euer.“ – „Ach“, sagte Musje Morgenroth, „aber meine Geographie geht nicht weiter als bis zum nächsten Kirchspiel.“ – „Schadet nichts“, sagte die Fee, „es sind nur allgemeine Kenntnisse nötig, dass der Lori nicht so gar viehdumm bleibt. Nun wisst Ihr, was Ihr zu tun habt.

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Zu essen bekommt Ihr, was ich übrig lasse; und da habt Ihr noch ein Tuch, das ist ein Hungertuch, und wenn‘s einmal nicht reichen sollte, Euch satt zu machen, könnt Ihr an dem Hungertuch nagen; dann haltet Ihr‘s aus.“ – „Danke schön“, sagte Musje Morgenroth; „wenn ich einmal recht appetitlich bin, geh ich zu Jungfer Abendbrod, meinem Schatz.“ – „Wie Ihr wollt“, sagte die Fee; aber heimlich war sie recht froh, denn sie war eine gute Wirtin und liebte die Dienstboten zumeist, die am wenigsten aßen.

Wie es nun Mittag wurde, ging Musje Morgenroth in die kleine Küche und kochte das Weinsüppchen, das Rindsrippchen und das Eierküchlein mit Pflaumen, und weil er eine Köchin zum Schatz hatte, machte er alles gar urwürzig und gut, dass die Fee ihn nicht genug loben konnte. Nachher, als er das Geschirr gesäubert hatte, rief sie ihn in ihr Wohnstübchen. Ach, da sah es einmal wundernett aus! An den Wänden erblickte man die ganze Familie der Exzellenz Claribella ausgehauen und gestochen, und über dem Sofa hing ihr Tauf- und Einsegnungsschein in goldenen Rahmen, die ganz erstaunlich glitzerten. Der Lori war auch da und schien ein sehr verwöhntes Tier zu sein, denn seine Herrin hielt ihm immer die Stange, auf der er saß.

Als nun Musje Morgenroth hereintrat und ihm höflich seine Verbeugung machte, verzog er seinen Schnabel zu einem verbindlichen Lächeln und sagte: „Bella, der Mensch gefällt mir.“ – „Er soll dir auch Geographie beibringen“, sagte die Fee, hieß Musje Morgenroth sich zu ihr auf einen Stuhl setzen und gab ihm die Staatszeitung und das Intelligenzblatt. Die las er von A bis Z vor, alle Dienstgesuche, Wohnungen, die zu vermieten sind, vermischte Nachrichten und reelle Heiratsgesuche in einem Strich, und die Fee streichelte unterdessen den Papagei und sagte von Zeit zu Zeit: „So!“ – Wie er nun fertig war, sagte die Fee: „Ihr lest ganz erstaunlich gut, Musje Morgenroth.

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Es wird wohl mit der Geographie ebenso gut gehn.“ Da fasste sich der arme Mensch ein Herz, und weil es nur das Allgemeine sein sollte, fragte er den Lori: „Junger Herr, könnt Ihr mir sagen, wie die Erde eingeteilt ist?“ – Der Lori schwieg auf diese verfängliche Frage mäuschenstill, und Musje Morgenroth beantwortete sich selbst, wie er sich‘s vorher in der Küche zurechtgelegt hatte: „Die Erde ist eingeteilt in Länder, Städte, Flecken und Dörfer.“ Dann fragte er weiter und schwitzte die hellen Tropfen vor Angst: „Und wisst Ihr anzugeben, wie die Flecken eingeteilt werden?“ – „Ja“, sagte der Lori, „in Tintenflecke, Obstflecke, Fettflecke und Baumflecke.“ – „Hört Ihr?“, flüsterte die Fee dem Musje Morgenroth zu, „er weiß doch gleich Bescheid.“ – „Ach ja“, sagte der schwitzende Magister, „er hat nur die Marktflecken ausgelassen.“ – „Was ich doch immer schon fragen wollte“, sagte der Lori, „wo liegt eigentlich das Land, wo der Pfeffer wächst?

Denn da bin ich geboren.“ – „Ei“, erwiderte Musje Morgenroth, „und da möchte ich gar zu gern hin. Es muss da so ein hunderttausend Meilen hinterm Berge liegen.“ Wie er das aber heraus hatte, wurde ihm ganz schlimm; denn er meinte, die Fee wüsst‘ es besser; sagte also, er bekäme plötzlich heftiges Leibschneiden, er müsse für heut schließen. Damit schien der Lori ganz zufrieden, und die Fee, die ihm immer die Stange hielt, auch, und Musje Morgenroth machte, dass er fortkam.

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Er lief aber mit der Gitarre geraden Weges zu Jungfer Abendbrod; die fand er in der Küche sitzen und im Kochbuch lesen. Wie sie aber ihres Liebsten ansichtig ward, ließ sie das Lesen, holte ein Viertel von einem Kapaun hervor und ein Glas Wein und ein Stück Kuchen – denn es war dem Herrn Geheimrat sein Geburtstag gewesen – und das setzte sie Musje Morgenroth vor. Dem war das Leibschneiden schon unterwegs vergangen; saß also ganz froh nieder und aß. Dazwischen erzählte er der Jungfer, wie es ihm ergangen. „Ach“, schloss er, als er eben das letzte Knöchlein benagte, „es will mir schon gefallen in den nobeln Verhältnissen, wenn nur die Geographiestunde nicht wär und in der Kammer nicht so viel Gelaß wär, dass ich mich kaum umdrehn kann.“ – „Nu“, sagte Jungfer Abendbrod, „haltet nur ein Jahr lang aus!

Hernach soll‘s uns schon desto besser gehn.“ Indem sie das sagte, räumte sie das Geschirr beiseite, und dann setzten sie sich zusammen auf den Küchentisch und sangen die wunderschönsten Lieder, wie: „Puthähnechen, Puthühnchen“ etc. und „der Kuckuck ist ein alter zisele bumbum basele besele“ etc.; aber am schönsten war doch ihr Leibstückchen:

Pumpelnäs‘ und Singestert Saßen auf dem Feuerherd Ohne Kien und ohne Licht; Pumpelnäschen, stoß dich nicht!

Und das sangen sie wohl ein Dutzend Mal, und Musje Morgenroth spielte dabei auf der Gitarre, und Jungfer Abendbrod ließ ihre Füße im Takt an den Küchentisch baumeln, dass man weit und breit für schweres Geld nichts Schöneres hätte hören können.


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So ging das ein ganzes Jahr lang, und Musje Morgenroth hatte nimmer nötig, an dem Hungertuch zu nagen, weil ihn sein Schatz nudelte, so viel sie konnte. Zu Geburtstag und Weihnacht bekam er eine neue Livree, und die war ganz absonderlich schön: alter grüner Samt von einem früheren Reitkleide der Fee Claribella, mit Schmetterlingsflügeln besetzt am Kragen und an den Aufschlägen, Turnhosen mit Gamaschen, und einen Hut von veilchenblauer Seide, darum der Altejungfernkranz der Exzellenz gewunden war. Musje Morgenroth sah gar stattlich in dem Aufzuge aus, so dass alle Leute auf der Straße stehen blieben und sagten: „Ei, was für eine schöne Livree!“ Nun wusste er auch, wozu seine Schränke da waren. In den ersten hing er abends die neue Livree, in den zweiten seine alten Kleider, in den dritten das erste Hemd, in den vierten das zweite und so fort in jeden Kommodenkasten eins. Da war er vor Unordnung sicher.

Mit der Geographiestunde ging es auch besser, als er gedacht hatte. Er fing mit den nächstliegenden Dörfern an und erzählte dem Lori von jeder Kirmes, auf der er getanzt, und von jedem Erntefest, das er mitgemacht hatte. Das war ein sehr nützlicher Unterricht, denn da bekam der Lori einen allgemeinen Begriff von Kuchenecken, Apfelwein, Milchreis und Hirsenmus; und das ist für viele Menschen die Hauptsache; warum nicht für einen Lori, dem eine Fee außer Dienst die Stange hält?

Wie nun das Jahr fast um war – es war aber nur noch ein Tag dazwischen – erinnerte Musje Morgenroth die Exzellenz an ihr Versprechen, ihm einen Wunsch, wie groß er auch wäre, zu erfüllen. „Jawohl“, sagte die Fee, „denkt Euch nur was Hübsches aus!“ Das war aber recht schlecht von ihr, dass sie das sagte; denn sie hatte doch vor, den armen Menschen zu betrügen, weil sie so filzgeizig war. Musje Morgenroth aber ging spornstreichs zu seiner Jungfer Liebsten, um ihr all sein Glück zu erzählen. Er fand sie am Herd stehen, und über dem Feuer hing ein großer Waschkessel. „Was kocht Ihr da, Jungfer Abendbrod?“, sagte er. – „Kaffee, liebster Musje Morgenroth.

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Unser ältestes Fräulein gibt heut einen großen Klatschkaffee, wozu hundertundein Geheimratsfräulein eingeladen sind.“ – Indem hörten sie etwas die Treppe heraufkommen. „Horcht!“, sagte die Jungfer, „da kommen sie.“ Musje Morgenroth aber war nicht faul, rückte einen Stuhl vor die Küchentür und sah oben durch die Ritze. Da kamen die hundertundein Geheimratsfräulein richtig dahergewackelt – denn das Wackeln galt für vornehm – und alle trugen schwarzseidne Kleider mit silbernen Sternen und hatten Nähkästchen von schwarzem Ebenholz in der Hand, die auch mit silbernen Sternen eingelegt waren. In der Stadt herrschte nämlich der sogenannte Kastengeist; denn die Töchter in den verschiedenen Ständen unterschieden sich durch die Nähkästen, und eine Professorentochter musste einen andern haben als eine Geheimratstochter, und eine Schneiderstochter wieder einen andern als ein Professorsfräulein.

Das war auch ganz in der Ordnung; denn es wäre doch entsetzlich gewesen, wenn die hohen Herrschaften nicht was Apartes gehabt hätten. Die Nähkästchen der Geheimratsfräulein waren aber deshalb schwarz mit Sternen, weil das die Nacht vorstellt, die doch alle heimlichen Leiden der Menschheit beschützt und somit auch die Geheimräte.

Da sie nun vorüber waren, stieg Musje Morgenroth herunter und sagte: „Weißt du, Schatz? Morgen ist das Jahr um; da tu ich meinen Wunsch. Ei, was ich fidel bin!“ Er setzte sich wieder auf den Küchentisch und stimmte die Gitarre. „Ach lasst lieber das Singen!“, sagte die Jungfer; „denn wenn ich nicht Acht gebe, verbrennt mir der Kaffee.“ Ihr Liebster aber sagte: „Wir werden doch wohl den Vorabend vor unserm fabelhaften Glück eins singen dürfen!“, schlug ein paar Akkorde an, und Jungfer Abendbrod mochte wollen oder nicht, sie musste mitsingen, wie er folgendes Lied anstimmte:

Wie trag ich doch im Sinne So wunderfrohen Mut! Das kommt von süßer Minne, Die heimlich brennen tut. Dadraußen lacht der Mai, Nun geht‘s ans Wandern frei; Und böt man hundert Gulden mir, Ich wär nicht mit dabei.

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Mein Schatz hat lichte Haare Und Wänglein weiß und rot; Von ihr will ich nicht fahren, Es scheid uns denn der Tod. In aller weiten Welt Mir nichts so wohl gefällt; Seit ich mein‘n Schatz zuerst erschaut, Ist‘s Wandern mir vergällt.

Drei Wochen nach Michaele Geht‘s an ein lustig Frein. So froh mag keine Seele Auf dieser Erde sein. Ein eigen Haus und Herd Ist Kaiserkronen wert, Und kommt mir je das Wandern an, Ich mach schon zeitig Kehrt.

Das Lied war eben aus, da trat der Bediente herein und trug ein großmächtiges Brett, auf dem hundertundein schwarze Kaffeetassen mit silbernen Sternen und eine riesenhafte Kanne stand.

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

„Jungfer Köchin“, sagt‘ er, „gießt mir flugs die Kanne voll; die Fräuleins haben sich schon die Zungen trocken geschwatzt.“ – Jungfer Abendbrod trat zu dem Waschkessel, aber mit einem lauten Schrei stürzte sie zurück. Ein unausstehlicher Brandgeruch stieg vom Kaffee in die Höh und durchräucherte die ganze Küche. „Ach Gott, ach Gott!“, jammerte sie, „was wird die Frau Geheimrätin sagen!“ – Die aber trat in demselben Augenblick zur Tür herein und rief: „Johann, wie lange wird‘s?“ Johann machte ein verlegenes Gesicht und deutete ausdrucksvoll nach dem Waschkessel und Jungfer Abendbrod. Da begriff die Geheimrätin den ganzen Zusammenhang und rief: „Den Augenblick packst du deine Sachen zusammen und scherst dich aus dem Hause!“ Und wie sie das gesagt hatte, wurde sie blau und rot vor Zorn, verließ die Küche und warf die Tür hinter sich zu, dass die kupfernen Kessel ganz erschrocken einander anstießen, als wollten sie sagen: „Habt ihr gehört?

Die ist einmal böse!“

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Jungfer Abendbrod lehnte an der Wand und weinte die langen bittern Zähren. Musje Morgenroth saß noch immer auf dem Küchentisch und hatte Augen und Mund weit offen stehn vor Schreck; aber Johann hatte sich leise davon gemacht. Endlich trocknete die Jungfer ihre Tränen und fing an, in stumm’ Gram ihr bisschen Kleider in ein Bündel zu packen. „Aber, liebster Schatz“, sagte Musje Morgenroth, „was härmt Ihr Euch so gar grausam? Morgen tu ich meinen Wunsch, und dann heiraten wir uns.“ – „Ach nein!“, schluchzte Jungfer Abendbrod, „daraus wird nichts; unsereins hat auch seine Ambition, und so ein fortgejagtes Ding ohne Schein, die den Kaffee hat anbrennen lassen, sollt Ihr nimmermehr freien. Das könnten wir nie verantworten vor unsern Kindern; die müssten sich ja schämen vor den Leuten.

Ach Gott!“ – und da fing sie wieder an zu weinen. – „Seid doch nur ruhig, liebste Jungfer!“, sagte Musje Morgenroth und sprang vom Küchentisch, „ich habe Euch nicht minder lieb darum, dass Ihr den Kaffee habt anbrennen lassen und fortgejagt werdet außer der Zeit und keinen Schein bekommt; denn an all dem bin ich ja schuld!“ – Die Jungfer aber wollte sich nicht trösten lassen, sagte immerfort, er solle sich eine Andre suchen, die nicht so in Schimpf und Schande gekommen wäre, und hatte indes ihr Bündel fertig geschnürt. – „Und wo wollt Ihr nun hin?“, sagte ihr Liebster. – „Ich habe noch die alte Cousine hier in der Stadt, Jungfer Gretchen Leisegang; die wird mich wohl aufnehmen in meinem Unglück.“ – „Nun denn, kommt in Gottes Namen!“, sagte Musje Morgenroth, machte die Tür auf, blieb aber wie versteinert stehn.

Die hundertundein Geheimratsfräulein kamen nämlich eben wieder dahergewackelt; denn sie hatten in der höchsten Entrüstung Abschied genommen und wollten wieder nach Haus. Sie sahen alle bitterbös aus, und wie sie an der Küche vorbeikamen, warf eine jede der Jungfer Abendbrod einen verachtenden Blick zu, und dann rauschten sie vorüber.

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„Ach Gott, lieber Musje Morgenroth!“, rief die Jungfer weinend aus, „habt Ihr wohl die Blicke gesehn?“ – Der aber stand selbst wie versteinert. „Verachtet von hundertundein Geheimratsfräulein!“, sagte er vor sich hin, „das ist hart!“ – Und in stiller schweigender Verzweiflung stiegen sie die Treppen hinunter und gingen selbander zu Jungfer Gretchen Leisegang, die die weinende Jungfer Abendbrod mitleidig und tröstend aufnahm.


Als Musje Morgenroth am andern Morgen in seiner Kammer saß, war ihm recht betrübt zumute. Seine schönsten Luftschlösser waren zerstört, seine jahrelange Mühe umsonst.

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

„Ach!“, seufzte er halb ärgerlich, halb traurig, „ich wollt, dass ich wäre, wo der Pfeffer wächst!“ – „Der Wunsch soll Euch erfüllt werden“, sagte Exzellenz Claribella, die eben in die Kammer trat. Da fiel dem armen Musje Morgenroth erst wieder ein, dass heute das Jahr um sei und er einen Wunsch frei habe; aber so hatte er‘s gar nicht gemeint. Doch wusste er, dass die Fee ihren Willen haben musste, auch wenn‘s einem andern einmal nach Wunsch gehen sollte, sagte also, es wär ihm ganz recht so; und halb recht war‘s ihm auch; denn es lag ihm an gar nichts mehr viel, seit er Jungfer Abendbrod nicht haben sollte.

Die Fee aber war heimlich sehr froh, dass sie Musje Morgenroth so belauert hatte, führte ihn in eine Rumpelkammer, wo viele alte verstaubte Zaubersachen herumlagen, und nachdem sie einige diamantene Schwerter, Drachen, Wünschelruten und Quecksilberseen beiseite geschoben hatte, holte sie einen alten Stuhl hervor, der gar seltsam aussah. Statt der vier Beine hatte er vier Gänseflügel; ein kleiner Schornstein war an der Rückenwand befestigt, und unter dem Sitz saß eine ganz kleine Dampfmaschine. Auf der Lehne aber stand mit goldenen Buchstaben: „Conzessionierter Dampfstuhl zur Reise ins Pfefferland.“

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Wie Musje Morgenroth des Dampfstuhls ansichtig ward, verschwand sein Trübsinn. „Ei“, sagte er, „wie bequem muss sich‘s da reisen lassen! Aber wisst Ihr was, Exzellenz? Wollt Ihr einmal ein christlich Werk tun, so kümmert Euch, wenn ich fort bin, ein bisschen um Jungfer Abendbrod und schreibt mir, wie ihr‘s geht.“ – „Ich habe schon die ganze Geschichte im Morgenblatt gelesen“, sagte die Fee. „Wenn Ihr ein paar Zeilen an Euren Schatz schicken wolltet zum Valet, so könnt Ihr ihr vorschlagen, während Ihr auf Reisen geht, an Eurer Stelle in meinen Dienst zu treten. Nachher geb ich ihr einen guten Schein; dann wird sie wohl nichts dagegen haben, Euch zu heiraten.

Freilich bekommt sie keinen Lohn, hat aber alles frei, wie Ihr, und das Hungertuch lasst ihr nur auch hier.“ – Da war denn Musje Morgenroth wie im Himmel, und was das Hungertuch betraf, dacht er: „Sie hat ja die Cousine hier, die Jungfer Gretchen Leisegang, da wird sie‘s wohl nicht nötig haben“, setzte sich also hin und schrieb seinem Schatz folgenden schönen Brief:

Liebste Jungfer Abendbrod! Dein getreuer Morgenroth Reiset, weil du ihn nicht magst, Dahin, wo der Pfeffer wachst. Woll indessen dich bequemen, Dienst bei Exzellenz zu nehmen. Was zu tun ist, weißt du schon; Doch bekommst du keinen Lohn, Aber Holz und Essen frei, Auch das Hungertuch dabei. Fürchte nicht die Geographie! Lori ist ein gutes Vieh, Und die Fee hält ihm die Stange; Drum, mein Feinslieb, sei nicht bange! Werd ich einstens wiederkehren, Darfst du dich nicht länger wehren, Stell ich mich als Freier ein; Kriegst auch einen guten Schein. Nun ade, herzliebster Schatz! Habe nimmer Zeit noch Platz, Bitt indes, noch vor dem Schließen, Gretchen Leisegang zu grüßen. Punktum. Streusand. Bis zum Tod Dein getreuer Morgenroth!

Diesen Brief siegelte er zu, schrieb die Adresse drauf: „An Jungfer Abendbrod, Wohlgeboren, wohnhaft bei Jungfer Gretchen Leisegang, ihrer Cousine, Allhier“, und gab ihn einem kleinen zerlumpten Straßenjungen und seinen letzten Dreier dazu, er sollt‘s auch pünktlich ausrichten. Denn, hatte ihm die Fee gesagt, Reisegeld braucht Ihr nicht; ich weiß, Ihr werdet im Pfefferland Euer Glück machen.

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Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

Da trug denn Musje Morgenroth den Dampfstuhl in den Garten, heizte die Maschine, und als er Gitarre und Rohrstöckchen hatte und das Bündel mit den drei Hemden und drei Paar Socken, zog er die Livree von Weihnacht an, setzte das Hütchen aufs linke Ohr und sich in den Stuhl, und nun – hast du nicht gesehn, so siehst du nicht – in die blaue Luft und in die weite Welt.

Der Dampfstuhl aber stieg so an die zweihundert Fuß senkrecht in die Höhe, dann machte er linksum und flog über den Berg fort immer in einem Strich. „Hei!“, schrie Musje Morgenroth, „das ist einmal eine flinke Fahrt!“ Es saß sich da ganz behaglich; freilich war‘s ein bisschen warm unter dem Sitz, und der Schornstein blies ihm den Rauch gerade in den Nacken; aber man konnte weit in die Täler hineinsehn, und die Häuserchen lagen gar sauber in den grünen Büschen. Wie er nun über das nächste Dorf flog, sah er da im Kruge das hübsche Anneli, die trug drei große Schoppen Landwein. „Brrr!“, schrie er. „Halt, Schwager! Halt!

Will einen Schoppen mit auf die Reise nehmen!“ – Ja, da schwagerte sich aber gar nichts; der Dampfstuhl flog seinen Weg unaufhaltsam weiter, und Musje Morgenroth musste sich den Durst vergehen lassen, so viel er auch schimpfte, was das für eine grobe Wirtschaft sei, einen honnetten Reisenden nicht einmal aussteigen zu lassen! – So flog er eine Strecke weiter, gerade über einen großen Wald weg. Da sah er auf der Straße, die durchging, drei kleine Kinderchen kommen, barfuß, ein Jüngelchen und zwei Mädchen, und weil‘s so schöne Kinder waren, dachte er: „Willst ihnen was Liebes tun!“, zog die drei Paar Socken aus seinem Bündel und warf sie ihnen hinunter. Zwei kamen richtig zur Erde, gerade den Mägdlein vor die Füße. Dem Bübchen seine blieben oben in einer Tanne hängen, aber es war gar nicht faul und fing an hinaufzuklettern. Ob es sie noch erwischt hat, erfuhr Musje Morgenroth nicht; denn in der nächsten Minute war er schon weit, weit weg.

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Da sah er wieder unten am See ein wunderhübsches Dirnlein stehn, die wusch Hemden in den klaren blauen Wellen. Sie hatte genau so flachsblonde Zöpfe, als wie Jungfer Abendbrod, und schöne rote Wangen. „Ach Himmel!“, seufzte Musje Morgenroth und dachte recht sehnsüchtig an seinen fernen Schatz. Unten das Dirnlein sah zufällig hinauf; wie sie aber das seltsame Fuhrwerk durch die Luft daherkommen sah, tat sie einen lauten Schrei, und das Hemd, daran sie eben wusch, glitt ihr aus den Händen und schwamm in den See hinaus. Das hatte Musje Morgenroth kaum gesehn, als er in sein Bündel griff, zwei Hemden herausholte und sie eilig hinabwarf.

„Wozu brauch ich auch so viel Wäsche?“, sagte er bei sich; „mach ich doch im Pfefferland mein Glück!“ Er hatte aber eben nur Zeit, die Kußhände zu sehn, die das Dirnlein ihm nachwarf; dann trug ihn der Dampfstuhl wie der Wind aus dem Bereich ihrer blauen Veilchenaugen.

Er griff leise in seine Gitarre, und das nahm sich in der stillen Höhe gar eigen aus. Dann sang er:

All meine Herzgedanken Sind immerdar bei dir; Das ist das stille Kranken, Das innen zehrt an mir. Da du mich einst umfangen hast, Ist mir gewichen Ruh und Rast; All meine Herzgedanken Sind immerdar bei dir.

Der Maßlieb und der Rosen Begehr ich fürder nicht; Wie kann ich Lust erlosen, Wenn Liebe mir gebricht! Seit du von mir geschieden bist, Hab ich gelacht zu keiner Frist; Der Maßlieb und der Rosen Begehr ich fürder nicht.

Gott wolle die vereinen, Die für einander sind! Von Grämen und von Weinen Wird sonst das Auge blind. Treuliebe steht in Himmelshut; Es wird noch alles, alles gut. Gott wolle die vereinen, Die für einander sind!

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Er hatte die letzten Verse immer leiser gesungen und sich schwermütig zurückgelehnt. Wie nun das Lied verklungen war, schlief er ein und berührte nur noch im Traum leise die Gitarre. Die prächtige Nacht zog herauf, die Sterne glitzerten, und die alten Sterngucker stiegen aufs Dach und besahn sie mit den langen Fernrohren. Da sahn sie auch den Dampfstuhl durch den Himmel kutschieren, und weil sie nicht draus klug werden konnten, auch auf keiner Sternkarte ihn verzeichnet fanden, und ein Komet konnt‘ es nicht sein, weil er einen schwarzen Schwanz hatte, den Rauch nämlich: prophezeiten sie daraus Wunder und Zeichen, dass viele Menschen in dem Jahr sterben würden, und bei vielen Bäckern würde es kleines Brot geben, und in Spanien wär‘s wahrscheinlich, dass es zu blutigen Köpfen käme, was alles nachher richtig eingetroffen; weiß aber nicht, ob zu Ehren Musje Morgenroths und seines Dampfstuhls.

Die beiden jedoch kümmerten sich nicht um die Sterngucker und ihre Prophezeiungen, sondern flogen immer weiter in die stille dunkle Welt hinaus.


Es war ganz früh, alle Vögel schliefen noch: da senkte sich der Dampfstuhl, dem das Holz ausgegangen war, ins weiche Gras nieder, und Musje Morgenroth wachte davon auf. Es war eine überaus lustige Gegend, ein breiter grüner Grund, rings von gewaltigen Bergen umschlossen, und auf der einen Seite ging eine großmächtige Höhle tief ins Gebirg hinein, und das war eine Tropfsteinhöhle. In der Runde standen gar herrliche antike Bildsäulen, die hatte die Höhle allzusammen getropft, und andre waren noch in Arbeit. Vorn aber war ein lichterloh‘ Feuer gemacht; drüber hing ein Kessel, von dem viel Dampf in die Höhe stieg.

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Da sperrte nun Musje Morgenroth die Augen groß auf, wie er die Herrlichkeiten sah, stieg ganz munter von seinem Dampfstuhl ab und machte sich nahe herzu. „Ei“, sagte er, „das ist ja eine bequeme Art, Bildsäulen zu machen!“ Wie er aber das sagte, bekam er einen gewaltigen Schreck; denn aus der Höhle trat ein Riese, der war wirklich ganz unwahrscheinlich groß. „Guten Morgen, Kleiner!“, sagte der Riese und hatte für seine Größe eine gar liebliche Stimme. „Großen Dank, Exzellenz!“, sagte Musje Morgenroth und lupfte sein Hütchen. – „Hört einmal“, fing der Riese wieder an, „wer mir hier einen Besuch macht, muss mir dienen; es kommt nur drauf an, ob er ein gebildeter Mann ist oder so dem lieben Gott sein gar nichts.

Seid Ihr nun ein gebildeter Mann, so braucht Ihr nur ein Jahr zu dienen; sonst müsst Ihr drei Jahr aushalten.“ – „Verzeihen Exzellenz“, erwiderte Musje Morgenroth, „ich reise in Geschäften in das Land, wo der Pfeffer wächst; denn ich soll da mein Glück machen.“ – „Ach was!“, sagte der Riese ärgerlich, „ich bin der Pikbube; Ihr müsst wissen, dass Ihr nur zu gehorchen habt, denn ich bin Trumpf.“ Dabei schnitt er ein fürchterliches Gesicht, und Musje Morgenroth sah nun erst, dass er nur ein Auge hatte; das saß ihm mitten auf der Stirn und sah gerade so aus wie ein Pik-Ass. – „Ja“, sagte der Kleine, „wenn‘s denn sein muss, tu ich‘s von Herzen gern. Übrigens wär mir‘s doch lieb, wenn ich ein gebildeter Mann wäre; denn drei Jahr Ew.

Exzellenz zu dienen, ist ein bisschen viel; unterdes freit ein andrer die Jungfer Abendbrod, und ich habe das Zusehn.“ – „Wir wollen‘s gleich herauskriegen“, sagte der Pikbube; „gebt nur gescheit Antwort auf das, was ich frage.“ Damit setzte er sich gar gemütlich nieder und hob den Musje Morgenroth auf sein Knie. Dem war dabei nimmer wohl; aber der Riese sprach ihm Mut ein und sagte, er würde wohl nicht durchfallen im Examen; er säh ihm ganz aus wie ein gebildeter Mann; und da war Musje Morgenroth wieder getrost und sagte: „Fragen Sie nur immer drauflos, Exzellenz!“

Da fing also der Pikbube an und fragte: „Was haltet Ihr von den stehenden Heeren?“ – „Ich meine, dass es wackrer ist, sie stehn vorm Feinde, als sie laufen davon.“

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Dagegen wusste der Riese nichts einzuwenden, fragte also weiter: „Warum haben die Chineser so schiefe Ansichten von der Welt?“ – Musje Morgenroth besann sich, sagte aber ganz munter: „Ei, sie werden ja auch immer mit schiefen Augen abgemalt.“

„Gut“, sagte der Riese. „Nun kommt aber alte Geschichte: Wie urteilt Ihr über Nero?“ – „Er ist ein ganz gutes Vieh“, sagte das Stiefelputzerchen; „aber er frisst zu viel Fleisch weg aus Jungfer Abendbrods Küche und hat mich einmal ins Bein gepackt, wie ich zu Frescos kam. Es ist freilich schon eine alte Geschichte“, setzte er hinzu, „aber ich fühl‘s noch immer.“

„Weiter“, fragte der Pikbube: „Wer hat‘s Pulver erfunden?“ – „Ich, weiß Gott, nicht!“, gab der Musje zur Antwort, „kann mich auch nicht besinnen, wer‘s war; ich muss damals noch ganz klein gewesen sein.“

„In der Geschichte wisst Ihr nicht sonderlich Bescheid; woll‘n was andres fragen“, sagte der Pikbube. – „Wo wachsen die meisten Pflaumen?“ – „Auf den Zwetschgenbäumen“, war die Antwort. – „Wie kann ein armer Schlucker in teuren Zeiten satt werden!“ – „Er muss eine Köchin zum Schatz haben, wie ich Jungfer Abendbrod.“ – „Wenn einer aber viel Geld hat, was soll der am besten damit tun?“ – „Was der Pfarrer Asmann tat.“ – „Nun, und was tat der?“ – „Was ihm halt gefiel.“ – „Nun sagt noch zu guter Letzt: Was ist die Liebe?“ – „Da weiß ich Euch genau Bescheid zu geben“, antwortete Musje Morgenroth. „Liebe ist, wenn ich Jungfer Abendbrod auf den Mund küsse und sage: Behüt dich Gott, du bist und bleibst mein herzallerliebster Schatz!“

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Wie er das gesagt hatte, schmunzelte der Riese und sagte: „Ich sehe, Ihr seid überall gar bewandert und gelehrt; darum braucht Ihr nur Euer Jahr abzudienen. Aber wie heißt Ihr eigentlich und weß Standes seid Ihr?“ – Da nun Musje Morgenroth ihm das berichtet hatte, wollt‘ es der Riese erst gar nicht glauben, dass er Stiefelputzer sei; denn, sagt‘ er, „ich hielt Euch zum wenigsten für einen Oberlehrer oder gar für einen Professor.“ Nachher aber meinte er: „Es ist mir doch lieb; so werdet Ihr meine Siebenmeilenstiefel gehörig putzen; die haben die Herrn Professoren, wenn sie hier ihr Jahr abdienen mussten, nie blank machen können. Außerdem muss jeden Morgen die Höhle ausgefegt und die Tröpfe da (so nannte er nämlich die Bildsäulen, die die Höhle getropft hatte) sauber abgekehrt werden.

Mittags macht Ihr Feuer an unter dem Kessel, darin wird das Essen gekocht, jedes Mal ein ganzes Rind; das gibt kräftige Fleischbrüh, die Euch wohl munden wird, und ein Hinterviertel mögt Ihr auch erhalten. Zu Abend trink ich Kamillentee, denn hier in der Gegend wächst nichts andres, und dann geh ich zu Bett. Ihr müsst Euch aber schon bequemen, unter meiner hohlen Hand zu schlafen; denn sonst lauft Ihr mir einmal fort, und daraus wird nichts, bis das Jahr um ist.“

Darauf setzte der Pikbube Musje Morgenroth von seinem Knie herunter, stand auf und ging in die Höhle, wohin ihm Musje Morgenroth folgen musste. Drinnen war‘s gar so übel nicht; überall standen kleine niedliche Tröpfe, die Jungfrau von Orleans zum Exempel und der große Kurfürst und Schiller und Goethe und viele andre. Ganz hinten stand das Bett; das war aber einmal lang und breit! Da hätte ein ganzes Regiment Dragoner samt ihren Rößlein drin Platz gehabt. Hinter der Bettstelle standen die Siebenmeilenstiefeln.

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„Der Tausend!“, sagte Musje Morgenroth, „das wird viel Wichse kosten!“ – „Seid ohne Sorgen“, erwiderte der Pikbube, „Ihr sollt Wichse genug kriegen.“ – Nachdem sie nun alles gemustert und der Riese dem Kleinen noch genau gesagt hatte, wie er‘s haben wolle, sah er nach einer allerliebsten Turmuhr, die er in der Westentasche trug, und sagte: „Ihr mögt nur immer die Siebenmeilenstiefel vornehmen!“, trug sie ihm also hinaus ins Freie und sah ihm zu. Musje Morgenroth war nun wohl flink dabei; aber dennoch brauchte er ganzer fünf Minuten, um mit der Bürste von der Fußspitze bis zum Hacken zu fahren, und die Schäfte konnte er nicht anders erreichen als mit einer Leiter. Doch war der Pikbube ausnehmend zufrieden; denn er macht‘s so blank, dass man‘s ohne Augenschmerzen gar nicht ansehn konnte.

Wie‘s nun gegen Mittag war, holte der Riese ein Rind von seiner Herde, die im Gebirg weidete, drückte ihm mit dem kleinen Finger den Schädel ein, zog‘s ab und warf‘s in den Kessel. Das gab eine kräftige Bouillon, so dass Musje Morgenroth des Rühmens kein Ende wusste. Auch das Rindfleisch gefiel ihm; er dachte: „Ob jetzt Jungfer Abendbrod am Hungertuch nagen muss? Und wenn ich ihr doch was abgeben könnte!“ Und da überkam ihn das Heimweh; er nahm die Gitarre vor und klimperte ein Liedchen. Das gefiel dem Riesen gar sehr, und er sang ihm zum Dank auch was vor und fragte ihn dann um sein Urteil. „Ihr habt eine schöne Fistel“, sagte Musje Morgenroth, „und singt mit viel Ausdruck.

Aber das Piano will Euch nicht gelingen.“ – „Es ist ein Erbfehler in unsrer Familie“, sagte der Pikbube; „wenn meine Mutter sang, die Pikdame, Gott hab sie selig, lief alles davon; denn sie vermochten‘s nicht auszuhalten, so laut war‘s; und mein seliger Vater, der Pikkönig, konnte sie noch überschreien.“ – „Danke schön“, sagte Musje Morgenroth. „Da wäre mir doch mein Trommelfell zu lieb gewesen!“

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Am Abend trank der Riese einen ganzen Kessel voll Kamillentee; aber den mochte Musje Morgenroth nicht, weil er nicht durchgesiebt war. Er hatte sich noch Fleischbrühe vom Mittag aufgehoben, daran hatte er genug. Hernach stieg der Pikbube ins Bett; Musje Morgenroth streckte sich neben ihn, und sein Schlafkamerad legte ganz sacht die hohle Hand über ihn; da war er warm und hatte doch Raum genug, sich nach Lust zu bewegen und herumzuwälzen, wie er immer im Schlafe tat. So schlief er bald ganz fidel ein und ließ sich von seiner Herzallerliebsten was Angenehmes träumen.


Eine ganze Zeitlang lebten sie also miteinander, und Musje Morgenroth ward gar wohlbeleibt, denn die kräftige Fleischbrühe schlug bei ihm gut an, besonders weil er von der Fee her nicht an allzu nährende Kost gewöhnt war. Einen Tag um den andern musst‘ er mit seinem Pfefferröhrchen die Kleider des Pikbuben ausklopfen, und das gab immer entsetzlich viel Staub. Es stand da ein großes Konterfei vom Pikbuben unter den andern Tröpfen; da hängte er den Rock und die Beinkleider des Originals an, stieg mit der Leiter hinauf und klopfte dann, was er nur konnte. Nebenan, d.h. wenn man auf der einen Seite übers Gebirg stieg, war die große Wüste Sahara, und da zog der ganze Staub hinüber. Die armen Kameele und Reisenden meinten dann, es käme ein Wirbelwind, der den Sand aufwühle; es war aber nur der Staub aus des Pikbuben Garderobe.

Manchmal kamen auch des Pikbuben Vettern über die Berge. Der aber konnte sie nicht ausstehn, weil sie ihn den schwarzen Peter schimpften, und jagte sie wieder fort; denn er meinte, er wäre allein Trumpf, und der Coeur-Bube und Karo-Bube und Treff dürften sich nicht wichtig machen. Ja, er hatte so seine Schrullen, und dann war er sehr schlimm und wütig.

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Eines schönen Morgens hatte er auch wieder so getobt und entsetzlich viel Staub gemacht, dass der erschrockene Musje Morgenroth sich sein Pfefferröhrchen an den Beinkleidern zu Schanden klopfte. Da saß er nun und war gar bekümmert. „Ach“, dachte er, „wenn ich doch wär, wo der Pfeffer wächst!“ Und wie er so sann, kam ihn immer gewaltigeres Verlangen an, fortzulaufen, dass er den Finger an die Nase legte und nachdachte, wie es wohl anzustellen sei. Den Dampfstuhl hatte der Pikbube gleich wieder geheizt und leer weiterfliegen lassen. Gott weiß, wo der jetzt steckte! So bloß Reißaus nehmen, ging nimmer an; denn der Riese hätte mit den Siebenmeilenstiefeln das arme Stiefelputzerchen wohl eingeholt, und wenn es auch den Vorsprung einer ganzen Nacht gehabt hätte. Endlich fiel ihm eine List ein, um den Riesen auf einen falschen Weg zu leiten; denn da konnt er in alle Ewigkeit laufen, ohne ihn einzuholen.

Der Pikbube aber war gar einfältig, so wie man es bei gebildeten Leuten oft findet, wenn sie vor lauter Weisheit nicht klug sind. Denn weise war er, das musste man ihm lassen, und hatte erstaunlich viel Gelehrsamkeit am Leibe. Musje Morgenroth also trat mit einem gar ehrlichen Gesicht zu ihm und sagte: „Ich habe darüber nachgedacht, Exzellenz, wie wohl es mir hier geht, und bin sozusagen ordentlich gerührt dadurch. Ich könnte mich sogar entschließen, auf immer hier mein Jahr abzudienen.“ – Da schmunzelte der Pikbube und sagte: „Ihr seid auch ein ganz ausnehmend gebildeter Mann, liebster Musje Morgenroth.

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Wer sonst bei mir war, hat sich trotz der menschenfreundlichen Behandlung fortgesehnt; ja einige haben sogar den Versuch der Flucht gemacht!“ – „Exzellenz scherzen!“, sagte Musje Morgenroth. – „Nein, verlasst Euch drauf“, fuhr der Pikbube fort. „Einer war schon weit in die schöne Gegend hineingelaufen; aber natürlich überholte ich ihn mit den Siebenmeilenstiefeln.“ – Da tat nun das kluge Stiefelputzerchen höchlich erstaunt, dass die Herrn Flüchtlinge nicht lieber durch die Wüste Sahara gelaufen wären. Es wär so schöner gerader Weg, auch recht fest, absonderlich nach dem Regen, und auf der andern Seite, wo es in die schönen Täler hinabginge, lägen die fatalen Berge dazwischen. – „Aha“, dachte der Riese, „er hat‘s doch schon heraus.

Wollen uns nur in Acht nehmen, und wenn der Musje einmal vermisst wird, gleich über die Wüste ihm nachtraben.“ – Und wie er das dachte, strich er sich den Bart und meinte wunder wie fein er sei; und das war doch gerade die Einfalt.

Abends, als beide zu Bett gingen, legte der Riese seine hohle Hand sorglicher als je über seinen Schlafkumpan und schlief dann ganz guter Dinge ein. Wie nun Musje Morgenroth ihn schnarchen hörte, zog er ein Federmesser heraus und piekte ihm tapfer in den kleinen Finger. Da wachte der Pikbube halb auf und fragte:

Warum hast du mich gestochen? Morgen wird‘s an dir gerochen, Ich zerbläu dir alle Knochen!

Musje Morgenroth aber antwortete:

Es war ein Floh, Der stach Euch so. Ich armer Musje Um Gnade fleh.

„Ich will mir‘s überlegen!“, brummte der Riese und schlief wieder ein. Da piekte ihm Musje Morgenroth wieder herzhaft in den kleinen Finger. Der Pikbube aber war schon tief eingeschlafen; weil er‘s aber im Traum fühlte und dachte, es wär ein Floh, hob er die Hand auf und legte sie unter seinen Kopf.

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

Musje Morgenroth aber stand ganz leise auf, schlug dem schnarchenden Riesen ein Schnippchen und huschte aus der Höhle hinaus.

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Es war wunderherrlicher Mondschein; die Tröpfe standen wie weiße Gespenster, unheimlich und spukhaft, und das Konterfei des Riesen schien dem Entwischten ein böses Gesicht zu schneiden. Der aber war bald übers Gebirg und wanderte lustig in die monddämmerige Gegend hinaus. Er hätte gern ein Lied gesungen; aber er fürchtete, es könne ihn verraten, und so fuhr er nur immer verstohlen über die Saiten der Gitarre, die er nicht dahinten gelassen hatte, dass die Vögel im Traum meinten, es wär im Himmel Konzert. Und so ging er, ohne auszuruhn, vorwärts bis zum lichten Morgen.

Wie der Riese am Morgen aufwachte und Musje Morgenroth nicht fand, merkte er gleich Unrat, stand aber gar nicht zu hastig auf und fuhr gemächlich in seine Siebenmeilenstiefeln. Dann nahm er den Weg zwischen die Beine und stapelte in die große Wüste hinein, und immer immer weiter, bis er dahin kam, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Da merkte er wohl, dass er betrogen war; und noch dazu war so viel Sand in seine Stiefel gekommen, dass er die Füße nicht mehr heben konnte; und so ist er im Sande elendiglich umgekommen.

Musje Morgenroth jedoch wanderte gar guter Dinge fürbaß, blieb an jedem Wegweiser stehn, ob zu lesen stände, wo man nach dem Pfefferland kommt, und fragte jeden, der ihm begegnete; aber keiner konnt‘s ihm sagen. Wie es nun gegen Mittag war, bekam er doch Lust nach der Fleischbrühe beim Riesen und seufzte ganz traurig: „Ach, dass ich doch wäre, wo der Pfeffer wächst!

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Denn wenn ich unterwegs verhungere, kann ich doch mein Glück nicht machen!“ Er hatte aber keinen Heller Geld, überhaupt nichts, als was er auf dem Leibe trug; denn das Hemd, das ihm noch übrig gewesen, musste er ganz zu Charpie verzupfen und dem Pikbuben in die Wunden legen, die ihm seine Vettern schlugen; – und seine Gitarre wollt er nicht versetzen. Da ging gerade ein Mann vorbei, der hatte gehört, was er seufzte, trat an ihn heran und sagte: „Dahin sollt Ihr bald kommen; habt nur die Güte, mir zu folgen.“ – Musje Morgenroth ging auch richtig, ohne sich zu besinnen, mit, und der fremde Mann führte ihn durch sein Haus in einen großen Garten, stellte ihn an ein Beet, darauf eben nichts zu schauen war als schöne fette Erde, und sagte: „Hier, teurer Fremdling, wächst Pfeffer!“ – „Aber ich sehe ja nichts“, sagte Musje Morgenroth. – „Die Saat ist erst seit einem Monat im Boden“, erwiderte der Mann, „aber sie keimt schon“; und damit wühlte er wahrhaftig ein paar schöne schwarze Pfefferkörner hervor, die von der Feuchtigkeit beschlagen waren, und wies sie dem Musje Morgenroth.

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Der begriff den Mann nicht, sagte aber: „Das ist eine sehr hoffnungsvolle Plantage, lieber Herr, und ein verdienstlich Werk, diesem Getreidebau Eingang zu verschaffen.“ – „Das meine ich!“, sagte der andre und strahlte vor Vergnügen. „Ihr seid aber meiner Seel der Erste, der Interesse dafür zeigt; die meisten begreifen meine Pläne nicht oder belachen sie gar.“ – „Ei ei“, sagte Musje Morgenroth, „das ist ja recht unverständig, eine gute nützliche Unternehmung zu belachen!“ – Er merkte nun wohl, dass es nicht recht richtig mit dem Mann war, ließ sich aber von ihm in sein Haus zurückführen, wo sie denn gar köstlich aßen und tranken, und nach Tisch brachte der Wirt seinen Gast in eine Kammer, darin er sein Geld bewahrte, und gab ihm einen ganzen Beutel voll Dukaten zur Reisezehrung mit auf den Weg; denn, sagte er, „Ihr seid ein gebildeter Mann; und wenn ich Pfefferernte habe, gebe ich ein großes Volksfest; zu dem seid aber nur Ihr geladen, und die Ungläubigen müssen mit langen Nasen abziehn.“ – Da versprach ihm denn Musje Morgenroth, er werde ganz gewiss kommen zur Pfefferernte, bedankte sich höflichst und ging.

Er war schon wieder ein gut Stück weiter gewandert und sagte dabei immer vor sich hin: „Ach, wenn ich doch wäre, wo der Pfeffer wächst!“ Da gesellte sich ein Bursch zu ihm, sagte, er ginge des Weges, sie könnten selbander gehn. Der war aber seines Zeichens ein Spitzbube, und wie er nun den Beutel mit Gold sah, den Musje Morgenroth alle Augenblicke zog, um einem Armen ein Almosen zu geben, dachte er: „Den Vogel willst du rupfen.“ „Herr“, fing er an, „wenn Ihr gern wissen wollt, wo der Pfeffer wächst, dahin kann ich Euch weisen; kommt nur mit!“ So ging er linksab einen wilden Waldsteg, und Musje Morgenroth hatte kein Arg, sondern folgt‘ ihm auf der Ferse.

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Sie waren eine Weile gegangen und kamen endlich zu einer wilden Schlucht; da saßen noch so ein zehn oder elf Burschen um ein Feuer, schmauchten ihr Pfeifchen und spielten Würfel. „Hier bring ich Euch einen“, rief ihnen Musje Morgenroths Begleiter zu, „der will gern wissen, wo der Pfeffer wächst. Er hat einen gespickten Beutel; das ist wohl genug Schulgeld, um‘s ihn zu lehren. Fangt nur die Lektion an!“ Damit warf er das arme Stiefelputzerchen nieder, riss ihm den Beutel weg, und nun fiel die ganze Bande über ihn her, schlug ganz gottesjämmerlich auf ihn los und schrie dabei: „Hier wächst der Pfeffer! Merkst du, wie er beißt? Hier wächst der Pfeffer!“ Und so schlugen sie den Ärmsten, bis er stille war mit Schreien, und trugen ihn durch den dicken Wald wieder auf die Landstraße, wo sie ihn für tot liegen ließen.


Er war aber nicht tot, sondern nachdem er ein paar Stunden da gelegen hatte, schlug er die Augen wieder auf, und war ihm kein Leids geschehn, außer dass er braun und blau war. Er schleppte sich mit Mühe ins nächste Dorf, da gab ihm eine gute Frau Wirtin einen Krug Bier und eine Butterbemme um Gotteswillen; und nachts bekam er eine weiche Streu, darauf schlief er bis an den hellen Tag und war wieder frisch und gesund.

Eine geraume Zeit zog er nun herum und verdiente sein Brot mit Musikieren, forschte aber immer fleißig nach dem Land, wo der Pfeffer wächst.

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

Da kam er eines Tags an eine große Mauer, in der war ein stattliches Tor, und über demselben stand mit goldenen Buchstaben: „Durch dieses Tor kommt man ins Land, wo der Pfeffer wächst.“ Man kann leicht denken, wie froh Musje Morgenroth war. Er musste sich einmal recht auslassen, nahm also die Gitarre vor und sang und spielte, während er die tollsten Luftsprünge machte. Das Lied lautete aber so:

Lustig Blut und frische Lieder, So gebührt‘s dem Wandersmann; Berg hinauf und Tal hernieder Ficht ihn sonst das Heimweh an. Ging ich singend sonder Ruh Manche Meil in lauter Wonnen. Süßer klarer Liedesbronnen, Riesele, riesele immerzu!

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod
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Wenn der Wald tut kühl‘ rauschen In der warmen Sommerlust, Müssen Eich und Linde lauschen Auf den Klang aus meiner Brust. Ob auch reißen Rock und Schuh, Jauchze doch im Schein der Sonnen. Süßer klarer Liedesbronnen, Riesele, riesele immerzu!

Aber so die Winde streichen Und regieren über Feld, Sing ich allestund ingleichen, Bis die Trübe sich erhellt. Denke dann: Du Wetter du, Bist vor meinem Sang zerronnen. Süßer klarer Liedesbronnen, Riesele, riesele immerzu!

Und in Dörflein und in Städtchen Zieh ich nur mit Liedern ein; Alle tugendlichen Mädchen Nicken mir vom Fensterlein. Habe gleich als wie im Nu Einen herzigen Schatz gewonnen; Süßer klarer Liedesbronnen, Riesele, riesele immerzu!

Da tat sich in der Mauer ein Fensterlein auf, und ein Kopf erschien mit gar brummiger Miene und einer großen schwarzen Nase. „Guter Freund“, sagte der Mann – und der Kopf war nämlich des Zöllners Kopf – „hier dürft Ihr nicht mit so viel Lärm Einzug halten, wie Ihr‘s sonst mögt getrieben haben. Hier im Land ist große Trauer; alle Welt läuft mit schwarzer Nase herum und lamentiert und weint, denn des Königs Tochter ist schwer krank.“ – „Was fehlt denn dem Fräulein Prinzessin?“, fragte Musje Morgenroth. – „Ach“, sagte der Zöllner, „sie leidet am freiwilligen Hinken. Vor zwei Jahren ist ihr einer begegnet, der war damit behaftet; und da sagte sie, sie wolle auch einmal ihren Willen haben und auch freiwillig hinken. Seitdem humpelt sie nun beständig, und kein Arzt weiß dem Ding abzuhelfen.

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Nun hat der König dem, der sie heilen könne, drei Wünsche zu tun erlaubt; die wolle er ihm erfüllen, wenn er‘s vermöchte, und wär‘s sein halbes Königreich. Das Land wünscht sehnlichst, es möchte einer kommen, der‘s verstände; denn so lange die Prinzessin krank ist, müssen wir alle schwarze Nasen tragen.“ – „Ei“, erwiderte Musje Morgenroth, „schließt hurtig das Tor auf! Ich will sie schon kurieren.“ – Der alte Zöllner sah ihn von oben bis unten an und schnitt ein ungläubiges Gesicht, öffnete ihm aber ungesäumt. Da trat nun Musje Morgenroth in das Land ein, wo der Pfeffer wächst, und wunderte sich ausnehmend, denn er hatte sich‘s viel kurioser vorgestellt. „Sagt einmal“, frug er, „wo wächst denn eigentlich der Pfeffer?

Ich bin von Haus aus Stiefelputzer und möchte mir so im Vorbeigehen ein Rohr abschneiden.“ – „Ihr habt einen wunderlichen Glauben, lieber Mann“, erwiderte der alte Zöllner. „Hier wächst bei jedem Rohr der dazugehörige Stiefelputzer mit.“ – „Ach du mein Gott“, rief Musje Morgenroth, „da ist ja nichts für unsereins zu holen! Nein, aber so eine närrische Einrichtung! Das ist einmal ein putziges Land!“ – Der Zöllner schien das im Stillen übelzunehmen, sagte aber nichts. Indem kam ein langer schwarzer Zug daher; vorne ging einer mit schwarzer Nase und einem Pfefferrohr; dann kam ein Leichenwagen, den zwei Pferde mit schwarzen Nasen zogen; auf dem Sarg lag wieder ein Pfefferrohr, und eine große Schar Leidtragender folgte, alle mit schwarzen Nasen und Pfefferröhren. „Seht Ihr, Herr?“, sagte der Zöllner, „das ist ein Stiefelputzerbegräbnis.“ Musje Morgenroth riss Mund und Augen auf; das war ihm doch nie im Traum eingefallen. „Übrigens“, sagt‘ er, „scheint hier die edle Stiefelputzerkunst fabrikmäßig betrieben zu werden, und das ist doch eine unwürdige Art.“ – Der Zöllner schoss ihm giftige Blicke zu, sagte aber wieder nichts; denn er war ein gebildeter Mann, und wies Musje Morgenroth nach des Königs Palast.

Wie er nun in den Palast kam, ließ er sich beim König melden und trug ihm sein Anerbieten vor: er wolle die Prinzessin kurieren.

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„Ach, lieber Herr Untertan!“, sagte der König, „es haben‘s schon so viele versucht und ist doch nicht gelungen; ich fürchte, Ihr kommt auch vergebens.“ – „Lasst mich nur machen“, sagte Musje Morgenroth; „ich habe Praxis in solchen Dingen; nur muss ich Euch bitten, mir ein tüchtiges Pfefferrohr zu verschaffen.“ – Der König sah ihn verwundert an und fragte: „Ihr wollt der Prinzessin doch nicht weh tun?“ – „Behüte!“, sagte Musje Morgenroth, „ich schneide das Pfefferrohr klein, nehme Salz und Essig und Öl und mache ein Tränklein; davon muss sie einnehmen, alle Stunde einen Esslöffel voll.“ Da war denn der König beruhigt, sandte nach dem Kirchhof und ließ das Pfefferrohr holen, das auf des eben verblichenen Stiefelputzers Grab gelegt werden sollte. Es wurde auch nicht geweigert; denn die Pfefferaner waren gute Untertanen, und der König konnte tun, was er wollte.

Musje Morgenroth aber ließ sich zur Prinzessin führen, nahm Salz und Essig und Öl mit und riegelte sorgfältig hinter sich ab. Was da innen geschehen ist, weiß man nicht genau. Man hörte es nur im Zimmer klatschen, wie wenn ein Kleid ausgeklopft würde oder ein Kind die Rute bekäme, und klägliches Geschrei erscholl, und es war, als ob sich zwei im Zimmer herumjagten. Vielleicht machte die Zubereitung des Tränkleins so viel Lärm, vielleicht war auch ein anderer Grund; kurz, man hat nie so recht klug daraus werden können. Die Kur war aber schnell getan; denn nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür, die schöne Prinzessin kam freilich ein bisschen verweint, aber doch ohne zu humpeln heraus, fiel ihrem Vater um den Hals und sagte: „Ich bin kuriert, Papa!“ – Der war nun gar zu neugierig, wie es zugegangen sei. Das Tränklein war wohl eingerührt, aber es schien kaum ein Tröpfchen davon genossen zu sein.

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Die Prinzessin jedoch wollte nie sagen, wie die Kur geschehen sei, und Musje Morgenroth zeigte auch keine besondere Lust dazu. Sogar der Pfefferrohrstock war ganz geblieben; der Herr Doktor sagte, er habe ihn nicht gebraucht; das Salz und Essig und Öl sei schon allein kräftig genug gewesen. Weil man‘s nun nicht herausbringen konnte, dachte man nicht länger dran und war herzensfroh, dass die schöne Prinzessin nun gesund war. Im ganzen Land sang man Loblieder auf Musje Morgenroth, wusch sich die Nase wieder weiß und aß Gänsebraten, was sonst nur an hohen Festtagen geschah.

Musje Morgenroth aber ging zum König und sagte: „Nun hätte ich aber auch Lust, meine drei Wünsche zu tun.“ – „Wünscht immer drauflos!“, sagte der König; „aber ich bitte Euch, seid nicht gar zu unverschämt; sonst macht Ihr mich zum armen Mann.“ – „Seid ohne Sorge, Majestät“, erwiderte Morgenroth; „ich bin ein gebildeter Mann. Als solcher aber bin ich arm und wünsche daher fürs erste schrecklich viel Geld, damit ich mich in Ruhestand setzen und Jungfer Abendbrod heiraten kann.“ – „Schrecklich viel Geld sollt Ihr haben“, sagte der König. – „Zweitens“, fuhr Musje Morgenroth fort, „möcht ich einen schönen goldnen Knopf auf mein Pfefferrohr.“ – „Wenn‘s weiter nichts ist!“, sagte der König; „aber nun nehmt Euch einmal zusammen beim dritten Wunsch; denn ich möcht Euch gern was recht Liebes zu Gefallen tun.“ – „So macht mich zum Geheimrat“, platzte Musje Morgenroth verlegen heraus. – „Wie Ihr denn wollt“, sagte Seine Majestät; „Ihr sollt gleich das Patent haben.“ Darauf rief er seinen Kanzler, der das Pergament dem Musje Morgenroth in einer goldnen Kapsel einhändigen musste; und nun wurde auch der Hofseckelmeister gerufen, der musste ihm schrecklich viel Geld geben, und der Hofgoldschmied machte ihm einen wundervollen Knopf von purem Golde auf sein Pfefferrohr, dass Musje Morgenroth sich gar nicht zu lassen wusste vor übergroßer Freude.

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Er begehrte aber sehnlichst zu seiner Jungfer Abendbrod zurück, und da ließ der König Extrapost kommen, so gern er ihn auch behalten hätte. Wie er nun schon im Wagen saß und Abschied nahm, stieg der König noch zu guter Letzt auf den Wagentritt und steckte ihm den Orden pour le mérite an, und die Prinzessin gab ihm ein schwarzes Nähkästchen von Ebenholz mit silbernen Sternen und ein schwarzes Samtkleid, ebenfalls silbernbesternt; er sollt‘s seiner Frau Geheimrätin bringen. Da traten dem guten Musje die Tränen in die Augen; er rief: „Schwager, fahr zu!“, und die Pferde liefen, was sie konnten, und der Schwager blies, und Musje Morgenroth hielt sein nassgeweintes Schnupftüchelchen zum Fenster hinaus und wedelte damit gar gerührt zum letzten Lebewohl.

Die Pferde liefen aber Tag und Nacht, und wie eine volle Woche um war, wachte Musje Morgenroth in der Frühe auf, rieb sich die Augen, und da hielt die Kutsche vor dem Gartenhäuschen der Fee.

Ilustracja do Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod

Jungfer Abendbrod aber, die eben im Garten war und die Rosenkäfer und Eidechslein auf die Seite kehrte, trat ganz erstaunt vor die Tür. Als sie aber ihren Liebsten herausspringen sah, warf sie den Besen weit weg und flog ihm in die Arme, und da die Fee eine Viertelstunde später zum Fenster hinausschaute, lagen sie noch immer einander in den Armen und konnten‘s gar nicht glauben, dass sie einander wieder hatten.

Gleich am andern Tag ward nun Hochzeit gehalten, und da trug Jungfer Abendbrod das schwarze Samtkleid mit den silbernen Sternen, und die 101 Geheimratsfräulein waren eingeladen und Frescos und die Fee auch, und der Fritz, der dem Musje Morgenroth immer Grobheiten über sein Pfefferrohr gesagt hatte. Die Geheimratssippschaft rümpfte freilich im Stillen die Nasen; aber was sollten sie tun? Er war doch einmal Geheimrat und hatte noch dazu einen Orden, und beim König vom Pfefferland wären sie schön angekommen, wenn sie all das nicht respektiert hätten. Geheimrat Morgenroth aber lebte nun gar vergnügt mit seiner Frau Geheimrätin, schrieb ein dickes Buch Reisebilder und bekam viele Kinder, die alle Geheimräte und Geheimrätinnen wurden.

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