BokRobot-Leseausgabe
Bücher
KostenlosIm Herbst
Pauline Hann
Anpassen
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedachte, nein. Er gehörte zu jener bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit war, die Zeit der Ernte; der Frühling ein trauriger Übergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer; der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche, in der sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzte. Und er wusste nur zu gut, dass all der beglückende Unsinn – Nachtigallengesang, Rosenduft, ein kleines Häuschen im Grünen, braune Augen und blonde Locken – nichts für ihn war. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er vom frühen Morgen bis zum späten Abend ruhelos umherlief, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Molltonleitern einzuweihen.
Er verspürte nicht mehr Versuchung, glücklich zu sein, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Einsiedlers eingeschlagen hätte.
Aber das Schicksal war boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem silbernen Tablett sozusagen unter die Nase zu reiben. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in der sich obendrein eine Tür befand, die sehr mangelhaft von der einen Seite durch ein Klavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschrank verbarrikadiert war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervorzuholen, ohne praktischen Nutzen, da ihn andere, die mehr Zeit für waghalsige Fingerübungen hatten, weit überflügelten.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 1 / 14
# chapter_page: 1
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedachte, nein. Er gehörte zu jener bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit war, die Zeit der Ernte; der Frühling ein trauriger Übergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer; der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche, in der sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzte. Und er wusste nur zu gut, dass all der beglückende Unsinn – Nachtigallengesang, Rosenduft, ein kleines Häuschen im Grünen, braune Augen und blonde Locken – nichts für ihn war. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er vom frühen Morgen bis zum späten Abend ruhelos umherlief, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Molltonleitern einzuweihen.
Er verspürte nicht mehr Versuchung, glücklich zu sein, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Einsiedlers eingeschlagen hätte.
Aber das Schicksal war boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem silbernen Tablett sozusagen unter die Nase zu reiben. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in der sich obendrein eine Tür befand, die sehr mangelhaft von der einen Seite durch ein Klavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschrank verbarrikadiert war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervorzuholen, ohne praktischen Nutzen, da ihn andere, die mehr Zeit für waghalsige Fingerübungen hatten, weit überflügelten.
Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer, eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etüden tapfer mit; die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört hatte – nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Klaviatur erreichte, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.
Das Interesse an der Nachbarschaft hinderte ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden musste, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein würde.
Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich ans Fenster, zum ersten Mal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? Das ist kein Wort; hübsch ist am Ende jede mit achtzehn Jahren, aber nicht jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallenden Locken, ein so rosiges Gesicht. Die Augen konnte er nicht sehen, aber sicher blitzten sie in Übermut und Lebensfreude. Frau Lechleitner brachte ihm die obligate Zichorienbrühe herein, und er getraute sich, ungezwungen die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleuse war geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus aufnehmen, diese Burg der Wohlanständigkeit; man wusste ja, was dabei »herausschaut«.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 2 / 14
# chapter_page: 2
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer, eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etüden tapfer mit; die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört hatte – nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Klaviatur erreichte, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.
Das Interesse an der Nachbarschaft hinderte ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden musste, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein würde.
Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich ans Fenster, zum ersten Mal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? Das ist kein Wort; hübsch ist am Ende jede mit achtzehn Jahren, aber nicht jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallenden Locken, ein so rosiges Gesicht. Die Augen konnte er nicht sehen, aber sicher blitzten sie in Übermut und Lebensfreude. Frau Lechleitner brachte ihm die obligate Zichorienbrühe herein, und er getraute sich, ungezwungen die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleuse war geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus aufnehmen, diese Burg der Wohlanständigkeit; man wusste ja, was dabei »herausschaut«.Aber die Franzi kannte sie schon von klein auf, hatte ihr manchen Apfel zugesteckt, solange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherren« waren so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben wollte, der pünktlich wie eine Uhr war. Und was sie sagen wollte: Franzis Mutter war ihre beste Freundin gewesen, und ihren Vater hätte sie einmal heiraten sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« rief Leonhard verzweifelt aus.
»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut miteinander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
Frau Lechleitner wurde nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm stieg drohend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolz alleinstehender braver Mädchen. Und er wusste nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen sollte, mit der ihn die Hauswirtin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überraschte.
Ziemlich trübselig erwartete er, in die Ecke des alten Sofas gedrückt, sein Schicksal.

Die Tür ging auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kam die sanglustige Nachbarin herein. Sie war keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erschien ihm die versessene Sofaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheure Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reichte, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid ausschüttete, wusste sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich ließen sich die Flecken entfernen, würde das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust weitete, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfingen!
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 3 / 14
# chapter_page: 3
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Aber die Franzi kannte sie schon von klein auf, hatte ihr manchen Apfel zugesteckt, solange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherren« waren so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben wollte, der pünktlich wie eine Uhr war. Und was sie sagen wollte: Franzis Mutter war ihre beste Freundin gewesen, und ihren Vater hätte sie einmal heiraten sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« rief Leonhard verzweifelt aus.
»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut miteinander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
Frau Lechleitner wurde nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm stieg drohend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolz alleinstehender braver Mädchen. Und er wusste nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen sollte, mit der ihn die Hauswirtin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überraschte.
Ziemlich trübselig erwartete er, in die Ecke des alten Sofas gedrückt, sein Schicksal.
Die Tür ging auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kam die sanglustige Nachbarin herein. Sie war keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erschien ihm die versessene Sofaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheure Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reichte, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid ausschüttete, wusste sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich ließen sich die Flecken entfernen, würde das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust weitete, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfingen!Heute schien die Sonne ganz anders als sonst; Frühling, Frühling! zwitscherten die Spatzen auf der Straße. – In seiner Stube entlockte er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend sang die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klang es aus den Tönen.
Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, weswegen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie waren mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertel von Leonhards Verdienst wanderten nach Mureck, seit Jahren hatte er keine Oper, kein gutes Konzert besuchen können, im Winter trug er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber sooft er ein solches Schreiben las, erschien er sich wie ein schwarzer Missetäter.
Diesmal jedoch enthielt es eine Freudenbotschaft. Das heißt, einem anderen würde sie vielleicht nicht so verheißungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen würde. Aber mein Leonhard Gruber versprach sich leicht einen schönen Tag, sooft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken brach: Der zweite Sohn des alten Organisten würde, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhards musikalische Ausbildung ermöglicht hatte, einen Stiftsplatz am Wiener Konservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben war, sollte dem jüngeren zuteil werden. Leonhard würde ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann konnte er die Sorge für die Familie übernehmen.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 4 / 14
# chapter_page: 4
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Heute schien die Sonne ganz anders als sonst; Frühling, Frühling! zwitscherten die Spatzen auf der Straße. – In seiner Stube entlockte er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend sang die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klang es aus den Tönen.
Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, weswegen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie waren mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertel von Leonhards Verdienst wanderten nach Mureck, seit Jahren hatte er keine Oper, kein gutes Konzert besuchen können, im Winter trug er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber sooft er ein solches Schreiben las, erschien er sich wie ein schwarzer Missetäter.
Diesmal jedoch enthielt es eine Freudenbotschaft. Das heißt, einem anderen würde sie vielleicht nicht so verheißungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen würde. Aber mein Leonhard Gruber versprach sich leicht einen schönen Tag, sooft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken brach: Der zweite Sohn des alten Organisten würde, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhards musikalische Ausbildung ermöglicht hatte, einen Stiftsplatz am Wiener Konservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben war, sollte dem jüngeren zuteil werden. Leonhard würde ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann konnte er die Sorge für die Familie übernehmen.Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht war! So hatte sie es stets geträumt, wenn in ihrem Kopf der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht war. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert war, das musste ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
Daheim waren sie anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welt errungen hatte, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit: Es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen hatte, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hilfe in ihren endlosen Nöten, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Klavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders geteilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen.
Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er mietete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstraße. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden.
Er besaß eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirtsstube lockten ihn wie eine Motte an.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 5 / 14
# chapter_page: 5
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht war! So hatte sie es stets geträumt, wenn in ihrem Kopf der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht war. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert war, das musste ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
Daheim waren sie anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welt errungen hatte, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit: Es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen hatte, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hilfe in ihren endlosen Nöten, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Klavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders geteilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen.
Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er mietete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstraße. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden.
Er besaß eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirtsstube lockten ihn wie eine Motte an.Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann ließ er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst ließ sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmütig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben hatte, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen war, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Tau und Tag aus Wien entwichen war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegenteil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Konzert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Lokalpatriotismus so viel abpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.
Monatelang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisse, umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er anderen verpfändet hatte, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren war, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 6 / 14
# chapter_page: 6
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann ließ er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst ließ sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmütig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben hatte, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen war, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Tau und Tag aus Wien entwichen war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegenteil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Konzert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Lokalpatriotismus so viel abpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.
Monatelang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisse, umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er anderen verpfändet hatte, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren war, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.»Wir müssen eben warten«, tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen hatte. »Wie könnte mir einfallen, dich von deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhards Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder teilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studieren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich würde das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Apfel- und Birnbäume es umschließen – Franzi wässerte schon jetzt der Mund nach den saftigen Früchten –, man konnte nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester würden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubte, warum sollte er nicht?
Sein ältester Bruder teilte ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kam Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler aufs Land geflohen waren, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es würde herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuatmen. Franziska war nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen hatten viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schlossen sich oft fest aufeinander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgte, dann zeigten sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbte ihr Gesicht.
»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten«, meinte bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmte, nahm ihn nicht wunder. Was kümmerte sich so ein angehender geistlicher Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Würde er doch einmal seiner Gemeinde in Freud und Leid beizustehen haben. Aber er gehörte zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, war hohlwangig und blass und hatte ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Luftschlösser auftürmten, warf er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versuchte er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 7 / 14
# chapter_page: 7
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
»Wir müssen eben warten«, tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen hatte. »Wie könnte mir einfallen, dich von deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhards Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder teilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studieren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich würde das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Apfel- und Birnbäume es umschließen – Franzi wässerte schon jetzt der Mund nach den saftigen Früchten –, man konnte nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester würden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubte, warum sollte er nicht?
Sein ältester Bruder teilte ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kam Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler aufs Land geflohen waren, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es würde herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuatmen. Franziska war nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen hatten viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schlossen sich oft fest aufeinander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgte, dann zeigten sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbte ihr Gesicht.
»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten«, meinte bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmte, nahm ihn nicht wunder. Was kümmerte sich so ein angehender geistlicher Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Würde er doch einmal seiner Gemeinde in Freud und Leid beizustehen haben. Aber er gehörte zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, war hohlwangig und blass und hatte ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Luftschlösser auftürmten, warf er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versuchte er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich.Franzi, wie die meisten ihrer Landsmänninnen, hatte nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhards Anlagen auch beschaffen sein mochten, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hoffte, dachte er nicht an Weltentsagung.
Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Älteste; »einen gar braven Buben«, nannte ihn Frau Gruber, aber sie war doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen würde, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
Franziska wurde totenbleich, als dieser Blitz ihre Luftschlösser zertrümmerte.
»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Tränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Straße. Aber konnte er ihr zumuten, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, freigab, brachte sie zu sich.
»Mein Leonhard, wir warten geduldig aufeinander, wie bisher«; aber es war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, du möchtest mich nicht mehr.«
Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang nebeneinander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntagnachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.
Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet hätten, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 8 / 14
# chapter_page: 8
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Franzi, wie die meisten ihrer Landsmänninnen, hatte nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhards Anlagen auch beschaffen sein mochten, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hoffte, dachte er nicht an Weltentsagung.
Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Älteste; »einen gar braven Buben«, nannte ihn Frau Gruber, aber sie war doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen würde, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
Franziska wurde totenbleich, als dieser Blitz ihre Luftschlösser zertrümmerte.
»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Tränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Straße. Aber konnte er ihr zumuten, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, freigab, brachte sie zu sich.
»Mein Leonhard, wir warten geduldig aufeinander, wie bisher«; aber es war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, du möchtest mich nicht mehr.«
Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang nebeneinander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntagnachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.
Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet hätten, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirtlichem Strand, in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirt, der borgen wollte, kein Konzertsaal, der sich öffnete, solange ihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um, und da er in der Tat glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besaß und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogtum die Leute zu blenden vermochte, fehlte es ihm bald nicht an gut bezahlten Klavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so großen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lektionen übernehmen.
Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können; freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karls Ungeduld. Als Leonhard nach tränenreichem Abschied von den Seinen in New York landete, da war der Virtuose bereits nach Kalifornien abgereist, und seine Stunden gab ein anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nötige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheuren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie es ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besaß nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 9 / 14
# chapter_page: 9
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirtlichem Strand, in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirt, der borgen wollte, kein Konzertsaal, der sich öffnete, solange ihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um, und da er in der Tat glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besaß und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogtum die Leute zu blenden vermochte, fehlte es ihm bald nicht an gut bezahlten Klavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so großen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lektionen übernehmen.
Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können; freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karls Ungeduld. Als Leonhard nach tränenreichem Abschied von den Seinen in New York landete, da war der Virtuose bereits nach Kalifornien abgereist, und seine Stunden gab ein anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nötige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheuren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie es ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besaß nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen.Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karls Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert hatte, was aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziskas gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängnis an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.
Er vergaß, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt.
Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Älteste sie im Stich ließ. Aber von der Notwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hilfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es getan hatte, und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwertete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Älteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirtschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuß zu fassen.
Die New Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bandelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und, wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Straßenpflaster aufgehoben und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen hatte. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New York.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 10 / 14
# chapter_page: 10
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karls Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert hatte, was aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziskas gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängnis an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.
Er vergaß, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt.
Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Älteste sie im Stich ließ. Aber von der Notwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hilfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es getan hatte, und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwertete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Älteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirtschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuß zu fassen.
Die New Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bandelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und, wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Straßenpflaster aufgehoben und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen hatte. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New York.Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern tadeln mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der prahlerischen Vergeudung im Großen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Flut dahingleiten.
Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauerte nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hatte die luftigen Schwingen eingebüßt, mit denen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.
»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragte sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlosch, und sie zog wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos war, wie die der Danaiden.
Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhards Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig fordernden und nie befriedigten Wesen gemacht hatte, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Ältester nun auch einmal an sich denken.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 11 / 14
# chapter_page: 11
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern tadeln mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der prahlerischen Vergeudung im Großen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Flut dahingleiten.
Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauerte nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hatte die luftigen Schwingen eingebüßt, mit denen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.
»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragte sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlosch, und sie zog wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos war, wie die der Danaiden.
Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhards Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig fordernden und nie befriedigten Wesen gemacht hatte, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Ältester nun auch einmal an sich denken.Leonhards Schüler schüttelten verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräußerliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er ging umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Konzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlockten, lächelte er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wütend zu werden. Er sah beinahe groß aus, so dehnte und streckte sich sein kleines Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstete das Nest für sein Weib, kein Tag verging, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch bestand der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da einer auf den Beistand des anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft.
Die Eltern seiner Schüler wussten, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Großbritanniens und Irlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an denen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm ins Haus strömten, würden ein Museum füllen. Jedenfalls würde man in der neuen Wohnung äußerst maßvoll im Gebrauch seiner Gliedmaßen sein müssen, und Franzi würde als Herrin all der Schätze gerade keine Sinekure innehaben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten wollte. Stundenlang stand Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Gerät vergaß er, vergaßen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einlief, kaufte er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 12 / 14
# chapter_page: 12
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Leonhards Schüler schüttelten verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräußerliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er ging umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Konzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlockten, lächelte er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wütend zu werden. Er sah beinahe groß aus, so dehnte und streckte sich sein kleines Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstete das Nest für sein Weib, kein Tag verging, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch bestand der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da einer auf den Beistand des anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft.
Die Eltern seiner Schüler wussten, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Großbritanniens und Irlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an denen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm ins Haus strömten, würden ein Museum füllen. Jedenfalls würde man in der neuen Wohnung äußerst maßvoll im Gebrauch seiner Gliedmaßen sein müssen, und Franzi würde als Herrin all der Schätze gerade keine Sinekure innehaben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten wollte. Stundenlang stand Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Gerät vergaß er, vergaßen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einlief, kaufte er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.Vom Dock führte er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und treuen Menschen für das Leben zusammengab. Leonhard hatte sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Straße gebaut; man brauchte nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drückten die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die monatelangen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht ließen sie einen anderen Siegespreis vermuten.
»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importieren brauchen«, sagten sie, »so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«
Franzi hatte es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erschien sie nicht so glücklich, wie man vermuten sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen einherging, schlug sie die Augen zu Boden.
Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern angefüllt; sie sahen wie leuchtend rote, goldgelbe und bronzefarbene Blüten aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung auszustoßen. Der Klang der Schelle hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräte.

Zuletzt trat sie vor den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Tränen aus.
Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftem Leuchten im Auge, zu erblicken.

# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 13 / 14
# chapter_page: 13
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Vom Dock führte er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und treuen Menschen für das Leben zusammengab. Leonhard hatte sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Straße gebaut; man brauchte nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drückten die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die monatelangen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht ließen sie einen anderen Siegespreis vermuten.
»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importieren brauchen«, sagten sie, »so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«
Franzi hatte es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erschien sie nicht so glücklich, wie man vermuten sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen einherging, schlug sie die Augen zu Boden.
Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern angefüllt; sie sahen wie leuchtend rote, goldgelbe und bronzefarbene Blüten aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung auszustoßen. Der Klang der Schelle hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräte.
Zuletzt trat sie vor den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Tränen aus.
Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftem Leuchten im Auge, zu erblicken.Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht hatte. Geheimnisvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen überwinden. Aber sie machte sich heftig los.
»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu gebärden? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere Züge.«
Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert hatte. Für ihn war sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben hatte. Und auch jetzt, nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen hatte, meinte er, es gäbe kein schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen der Erinnerung.
»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst du mein verblühtes Gesicht noch zu lieben?«
Er eilte vor die Tür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb von ungeheurem Umfang herein, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüten; eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesandt.
Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.
»Es ist Herbst«, sagte er, »die Luft ist rau, und Nebel füllt die Straßen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen scheint.«
»Und wie lange dauert es«, warf sie bitter ein, »dann kommt der erste Frost und vergilbt ihre Blätter.«
»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen ist.«
Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.
# book_id: global-gutenberg-story-06de692b34ea4012a3063211b912fed8
# book_title: Im Herbst
# chapter_id: 1-im-herbst
# chapter_title: Im Herbst
# book_page: 14 / 14
# chapter_page: 14
# language: de
# content_format: markdown
# reading_structure: unknown
# render_mode: prose
Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht hatte. Geheimnisvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen überwinden. Aber sie machte sich heftig los.
»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu gebärden? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere Züge.«
Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert hatte. Für ihn war sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben hatte. Und auch jetzt, nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen hatte, meinte er, es gäbe kein schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen der Erinnerung.
»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst du mein verblühtes Gesicht noch zu lieben?«
Er eilte vor die Tür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb von ungeheurem Umfang herein, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüten; eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesandt.
Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.
»Es ist Herbst«, sagte er, »die Luft ist rau, und Nebel füllt die Straßen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen scheint.«
»Und wie lange dauert es«, warf sie bitter ein, »dann kommt der erste Frost und vergilbt ihre Blätter.«
»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen ist.«
Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.
BokRobot
BokRobot vereint Bücher und Märchen zum Lesen und Entdecken. Hier findest du eine wachsende Auswahl und kannst auch eigene Bücher und Märchen gestalten.