Richard MarshDie verschwundene Ehefrau

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Die verschwundene Ehefrau

Richard Marsh

1 Kapitel · 2.256 Wörter
Lauf: 2026-09-16 05:29BokRobot · Seite 1 / 7

III. – DIE VERWUNDENE FRAU.

Kapitel I. (Selbstmord oder –?)

»Verehrter Graf Campnell! Wenn auch nur ein Funken menschlicher Empfindung in Ihnen ist, kommen Sie sofort! Noch nie war ein Mensch in größerer Not. Ich weiß weder aus noch ein – vielleicht bin ich bereits für einen Mord verantwortlich? Ich flehe Sie an, unverzüglich zu kommen! Ihr sehr ergebener Cyril Majendie.«

Der Detektiv wollte gehen, doch an der Tür traf er Herrn Frederik Parker, der vor einem Jahr mit der amerikanischen Millionärstochter, Fräulein Scraggs, geheiratet hatte – warum sie ihn nahm, weiß nur der Teufel. Er sah äußerst aufgeregt aus.

»Graf Campnell, ich muss dringend mit Ihnen über eine wichtige Angelegenheit sprechen!«

»Im Moment bin ich beschäftigt. Ich komme, sobald ich kann.«

»Nun, dann warte ich auf Sie.«

Herr Parker war bereits ein gutes Stück die Treppe hinuntergegangen, als er sich umdrehte:

»Ich habe lange gezögert, Sie aufzusuchen, aber es kommt ein Moment, da muss sich ein Mann verteidigen! Meine Freunde glaubten, ich hätte aus Geldgier geheiratet. « Der kleine Mann schlug sich die Hand an die Brust. »Doch wenn es so weit kommt, dass sie bei hellem Tageslicht das Haus verlässt, gekleidet wie eine einfache Blumenverkäuferin, einen zufälligen Mann mit zerfetztem Mantel anspricht und ihn sogar unter den Arm nimmt, dann glaube ich, dass es jedem reicht. – Auf Wiedersehen, ich warte also auf Sie.«

Als der Detektiv bei Herrn Cyril Majendie ankam, sah dieser im Badezimmer äußerst verstört aus. Er kam mit ausgestreckten Händen auf Campnell zu:

»Lieber Herr Campnell, Gott sei Dank, dass Sie kommen ... Sie sind ein großartiger Mensch! Wollen Sie etwas trinken?«

»Nein, vielen Dank!«

Herr Majendie wollte sich ein Glas Wein einschenken, doch Campnell sagte: »Tun Sie mir den Gefallen, nichts zu trinken, bevor Sie mir gesagt haben, was los ist.«

»Haben Sie jemals etwas über meine Frau und mich gehört?«

»Nicht das Geringste.«

»Meine Frau ist verschwunden!«

»Ja, also.«

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»Vor einer Woche hatten wir eine Szene. Wir haben immer wieder Szenen, aber diese war besonders bösartig. Es ist alles ihre Schuld – die verfluchte Frau von Parker, und das habe ich Nora gesagt. Frau Parker schafft es nie, sie dazu zu bringen, genügend Ausgaben zu machen. Aber wo in aller Welt soll ich das viele Geld hernehmen? Jetzt habe ich Kredite in Höhe von 5000 Kronen aufgenommen – wenn ich sie nicht zurückbekomme, bin ich völlig ruiniert. Ich habe es gesagt. Sie weinte und jammerte und verschwand dann aus dem Zimmer.

Am nächsten Morgen zeigte sie sich nicht.

Als ich abends nach Hause kam, erzählten mir die Mädchen, dass sie die Frau den ganzen Tag über nicht gesehen hätten. Ihre Tür war abgeschlossen, und sie antwortete nicht, als sie klopften. Ich habe die Tür aufgebrochen, aber sie war nicht da. Heute Morgen habe ich dann dies in meiner alten Hose gefunden.

Illustration zu Die verschwundene Ehefrau

«

Majendie zeigte dem Detektiv drei kleine Päckchen, die ihre Ringe und Schmuckstücke enthielten.

Der Detektiv untersuchte sie. All ihr Schmuck in altes Papier aus den Geschäften eingewickelt! Hier und da auf dem Papier unheimliche, dunkelrote Flecken, die vielleicht an Blut erinnern konnten.

Majendies Stimme wurde flüsternd:

»Glauben Sie, sie hat Selbstmord begangen oder . . .?«

»Das weiß ich nicht.« Graf Campnell versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. »Vorläufig behalte ich die Päckchen!«

Majendies Hand näherte sich bedenklich dem Glas und der Flasche vor ihnen.

»Lassen Sie das jetzt stehen!« befahl der Graf. »Ich halte es für äußerst wahrscheinlich, dass Ihre Frau, anstatt lebenslang an einen betrunkenen Mann gebunden zu sein, einen verhängnisvollen Schritt gewagt hat . . .«

»Herr Campnell –!«

»Und ich halte es für ziemlich verdächtig, dass Sie, nachdem Sie das Verschwinden Ihrer Frau eine ganze Woche lang geheim gehalten haben, versuchen, Ihr Gewissen mit Alkohol zu betäuben.«

Majendie zögerte.

»Herr Graf . . . Hätte ich gewusst, dass Sie sich so verhalten würden . . . hätte ich Sie niemals herbeigerufen.«

»Deshalb gehe ich auch sofort.« Der Detektiv erhob sich. »Ich werde den Fall dem ersten Polizisten übergeben, dem ich begegne.«

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»Nein, nein, lieber Herr Campnell, bleiben Sie doch! Ich versichere Ihnen, Sie irren sich! Wenn es die Flaschen sind, die Sie stören, werde ich sie sofort entfernen.«

... Als der Detektiv einige Zeit später die Treppe hinunterging, traf er den Diener Neave, der ihn mit einem geheimnisvollen Blick anwinkte.

»Entschuldigen Sie, Herr Graf, aber ich kann Ihnen von etwas höchst Seltsamem berichten, das sich hier im Haus ereignet hat.«

»Nun, und was ist das?«

Der Diener rieb sich verlegen die Hände.

»Es ist ein neuer Diener gekommen, namens Perkins. Er hatte einige hervorragende Empfehlungsschreiben, wenngleich Gott weiß, woher er sie hatte, denn ich habe noch nie jemanden mit solcher Faulheit und Arroganz gesehen! Tag und Nacht schnüffelte und schaute er im ganzen Haus umher und kümmerte sich nicht im Geringsten darum, was ich ihm sagte. Gestern habe ich ihn dann überrascht, als er in dem Schrank herumwühlte, in dem Herr Majendie seine Hosen aufbewahrt.

»Was suchen Sie da?« fragte ich.

»Ich zähle die Kleidung des Herrn auf«, antwortete er frech.

-- Der Diener redete weiter, und es dauerte eine Weile, bis der Detektiv sich von ihm losmachen konnte.

Als er schließlich auf die Straße kam, überlegte er lange und sah sich sorgfältig um. Gerade als er weitergehen wollte, schlich ein junger Mann ängstlich aus Majendies Pforte heraus.

Ohne umzuschauen eilte er rasch in die entgegengesetzte Richtung des Detektivs davon.

Schnell wie ein Blitz drehte sich dieser um und folgte ihm.

Als der Mann um die Ecke bog, legte Graf Campnell ihm die Hand auf den Arm. Mit Schrecken gemalt in jedem Gesichtszug blieb er stehen.

»Also, mein Freund, nun habe ich Sie! Was soll dieses Verhalten bedeuten?«

Die Stimme des Detektivs erschreckte ihn. Der Mann stammelte: »Es ist nicht meine Schuld. Ich heiße Perkins und diene bei Herrn Majendie. Das ist die Wahrheit, ich versichere Ihnen das!«

»Warum schleichen Sie mitten am Tag auf der Straße herum? Warum sind Sie nicht bei der Arbeit?«

»Ich darf es nicht. Ich war noch nicht oben, obwohl ich vor zwei Tagen dort sein sollte.«

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Der Detektiv befragte ihn weiter, doch der Mann blieb standhaft. »Ich darf nichts sagen«, wiederholte er ängstlich. »Wenn ich etwas sage, verliere ich so viel Geld, und ich bin so arm und habe Frau und Kinder. Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts Illegales getan. Nicht das Geringste!«

Der Detektiv betrachtete ihn genau. Dann ließ er ihn mit einem plötzlichen Lächeln los.

»Ja, ja; Sie sind frei, vorerst. Nun werden wir versuchen, ob Sie die Wahrheit sagen!«

Kapitel II. (Der neue Diener)

Eine Stunde später fuhr Graf Campnell mit der Droschke zu Majendies Haus. Diener Neave öffnete die Tür.

»Ist der Herr zu Hause?«

»Der Herr ist zu Bett gegangen.«

»Ins Bett! Zu dieser Tageszeit –?

Illustration zu Die verschwundene Ehefrau

«

Der Detektiv fand tatsächlich Majendie in seinem Bett liegend vor, mit den Decken um die Ohren – und heulend.

Der Detektiv brachte ihn rasch auf die Beine und zog ihm Kleidung an; dann hinunter die Treppe und in die Kutsche mit ihm – alles, bevor ihm eigentlich klar wurde, was vor sich ging.

»Was soll ich tun, Graf? Ich glaube, die Leute auf der Straße zeigen mit den Fingern auf mich,« war das Erste, was er murmelte. »Vielleicht haben sie meine Frau irgendwo an einem obskuren Ort gefunden . . . «

»Ja, Sie hätten freundlicher zu ihr sein sollen, lieber Herr!«

»Nein, nein, Sie irren sich, aber . . . aber Graf? Wohin . . . wohin fahren wir? Ich glaube, wir halten vor Parker!«

Der Detektiv sprang rasch hinaus.

»Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich muss kurz mit Herrn Parker sprechen!«

Als der Graf die Treppe hinaufkam, kam Parker hastig herunter, sichtlich empört.

»Na . . . ja, es war ja auch höchste Zeit, dass Sie sich blicken ließen. Herrgott, Mensch, das ist doch eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit!«

Der Detektiv lächelte: »Also, los mit dem Reden. Jetzt haben Sie mich ja!«

Mit diesen Worten nahm der Graf den kleinen Mann freundschaftlich unter den Arm, und bevor er sich widersetzen konnte, war er in die Kutsche gesetzt.

»Fahren Sie, Kutscher, so schnell Sie können; Sie wissen ja, wohin!«

Wieder unterwegs. Wer von den beiden Fremden am verblüffter war, ist schwer zu sagen. Parker sprach als Erster.

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»Herr Graf! Hm! Darf ich fragen . . . wie Sie es wagen . . . mich in diese abscheuliche Kiste zusammen mit so einem . . . einem Affenmenschen zu setzen?«

Majendie räusperte sich warnend.

Parker versuchte, aufzustehen, doch der Graf zwang ihn zurück.

»Setzen Sie sich doch erst mal ruhig hin, kleiner Freund!«

Majendie warf einen Blick auf Parker:

»Meine Frau wurde ermordet, das wissen Sie!«

»Ermordet?« Parker starrte. »Ermordet? Sie ist wohl einfach verschwunden? Hm, vielleicht sollte man Ihnen ja beneiden. Meine Frau verschwindet nicht so leicht . . . aber Spaß kann sie mit einem dunkelhaarigen Abenteurer haben . . .«

»Ja, die war es, die meine ruiniert hat.«

»Na, das glauben Sie wohl, alter Knabe! Nein, Ihre abscheuliche Frau . . .«

Der Detektiv schwiegen die ungeduldigen Herren. Kurz darauf hielt der Wagen in einer schmalen Gasse vor einem kleinen Haus, in dem sich eine Bäckerei und andere kleine Läden befanden.

»Bitte, meine Herren, kommt doch herein!«

Zögernd stiegen die beiden Feinde aus dem Wagen. Sie sahen sich fragend an.

Die Tür des Hauses stand offen. Der Detektiv trieb sie die schmale Treppe hinauf. Es gab nur eine Etage und einen Eingang.

Keine Namensschilder an der Tür.

Der Detektiv überlegte kurz.

Die Tür war alt und zerbrechlich. Mit einem kräftigen Ruck riss er das Schloss auf.

Der Raum, in den sie eintraten, war alles andere als einladend.

Parker machte erneut einen Aufruhr. »Was in aller Welt ist das für ein hässlicher Raum? Sind Sie verrückt, wenn ich fragen darf?«

Der Detektiv zwang sie, ruhig zu bleiben. So verging eine halbe Stunde.

Plötzlich erhob sich der Detektiv.

»Stille! Da kommt jemand!«

Auf der Treppe waren Fußschritte zu hören.

Parker öffnete neugierig die Tür einen Spalt weit.

Doch kaum hatte er dies getan, als er zurückschreckte. »Um Gottes willen, das ist doch meine Frau, verkleidet als gewöhnliche Blumenmädchen! Geht doch in den anderen Raum, ach, tut es doch ...«

Majendie lief zur Tür und blickte neugierig hinein.

»Was in aller Welt – mein neuer Diener! Nein, pfui, Ihre Frau hat wirklich einen abscheulichen Geschmack! Der Mann ist doch schmutzig und braun wie ein Neger.«

Das Paar kam herein.

Parker ging ihnen entgegen.

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»Ja, kleine Fräulein, da habe ich Sie ja gefunden!«

Majendie sah ihren Diener fassungslos an:

»In der Tat! Ich bewundere Ihre Bescheidenheit, Perkins! Das muss ich sagen, mit einem Goldfisch davonzulaufen!«

Der Detektiv kam hinzu.

»Dürfte ich die Ehre haben, Sie, Herr Parker, Frau Majendie vorzustellen?«

Er ging auf den schmutzigen Diener zu.

»Können Sie Ihre eigene Frau nicht erkennen, Majendie?«

Es wurde ganz still.

Illustration zu Die verschwundene Ehefrau

Dann ein Ton – halb Seufzer, halb Lachen: Perkins, »der neue Diener«, riss die Perücke ab, und es zeigte sich ein Wirbel goldener Locken.

»Oh, Cyril, dass sowohl du als auch Parker wirklich an etwas Schlimmes mit einem Diener gedacht habt! Das ist doch nur die gesegnete Walnussensaft auf den Wangen.«

Majendie sah verwirrt aus: »Aber ... was meinst du ... ja, das ist wirklich ein sehr böser Streich!«

»Liebster Cyril, ich habe das doch alles nur für dich getan. Ja, genau! Als du sagtest, du wärst ruiniert, wenn du die 5000 Kronen nicht auftreiben könntest, musste ich mir etwas einfallen lassen. Also rannte ich über die Straße zu Frau Parker. »Marie«, sagte ich. »Wollen wir wetten?«

Sie wollte.

»Wir wetten, dass ich eine Woche lang als Diener in meinem eigenen Haus arbeiten kann, ohne dass Cyril mich erkennt.«

»Bist du verrückt?«, sagte sie.

»Wieviel setzen wir?«

»Eine ordentliche Summe – 5000 Kronen. Du hast doch genug Geld.«

Hier unterbrach Frau Parker:

»Ja, ich wusste ja, Majendie brauchte das Geld dringend, aber ich wusste auch – Herr Majendie! – dass Ihre Frau alles für Sie tun würde, denn ich kenne sie in- und auswendig!«

Plötzlich wandte sie sich etwas verärgert an Graf Campnell:

»Wer sind Sie, mit Verlaub? Wie konnte ein Fremder unsere Intrigen entdecken, die so raffiniert ausgeheckt waren?«

Der Graf verneigte sich: »Das waren Sie, Madam. Sie haben sich wirklich an einem unauffälligen und unscheinbaren Ort versteckt. Aber Sie wissen, für einen Detektiv müssen solche Dinge heutzutage Bagatellen sein – und das sind sie auch, zum Glück.

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Den eigentlichen neuen Diener, Herrn Perkins, hatte ich das Glück zu treffen. Er wagte aus Angst, eine versprochene Belohnung zu verlieren, nichts zu sagen. Ich wollte ihn auch nicht in Versuchung führen. Vorerst verstand ich, dass Frauen in das Spiel verwickelt sein mussten. Frauen setzen die meisten Bestechungen ein, kommen aber auch am leichtesten an das Geld. Ich ließ ihn also laufen. Zuerst wollte ich die Adresse auf dem Papier ausprobieren, in dem Ihre Schmuckstücke versteckt waren.«

»Das Papier –?«

»Ja.« Er nahm das alte Einpackpapier aus der Tasche. »Einer der Schmuckstücke lag ja in Papier mit dem Firmenlogo des Konditors eingewickelt, der hier im Haus wohnt. Haben Sie das schon vergessen, kleine Fräulein?«

Ja, das hatte sie. Aber jetzt erinnerte sie sich gut, dass die beiden Freundinnen dort Kuchen gekauft hatten...

»-- Und das Papier wurde sparsam verwendet!«

»Aber all das andere Papier um die anderen Pakete herum?«, ertönte es verärgert von Frau Majendie.

»-- Das kam nicht vom Konditor, Madam, könnte aber Hinweise gegeben haben, falls das alte Sprichwort gegen die Gewohnheit trügerisch gewesen wäre: »Wo Süßigkeiten sind, halten sich die Frauen auf!««

Dann verneigte er sich höflich vor der Gesellschaft und überließ sie der Idylle.

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